Wilhelmstraße 76! Es ist ein ziemlich einfaches, mäßig großes Gebäude, dies Wohnhaus des deutschen Reichskanzlers in Berlin, in dessen erstem und einzigem Stockwerk der größte deutsche Mann der Gegenwart sein Heim hatte.
Es war Herbst geworden in dem unseligen Jahre 1878, und die Bäume in dem Parke hinter dem Palais haben angefangen sich zu verfärben. Unter ihnen schreitet der Kanzler hin, und wie einst als Knabe, so freut er sich auch jetzt noch der Schönheiten der Natur, wo immer sie ihm begegnen. Hier ist für ihn in dem geräuschvollen, lärmenden Berlin eine freundliche Oase. Aus den Kronen uralter, stammgewaltiger Buchen und Linden singen die Vögel, dichtes, noch immer grünes Buschwerk umsäumt die Wege, und in der herrlichen, von stattlichen Rüstern überwölbten Allee schreitet der Kanzler hin neben der geliebten Frau, der Gefährtin seiner Tage, seinem guten Kameraden.
Die Frau des Hauses ist zwar heute besonders beschäftigt, denn am Abend gilt es Gäste zu empfangen zu einer der beliebten parlamentarischen Soireen, aber etwas Zeit bleibt für den Gatten, der so manches in ihr treues, verschwiegenes Herz niederlegt, ehe er mit anderen darüber verhandelt. Ein Stündchen ist zwischen den grünen Gehegen rasch genug vergangen, und Bismarck geht nach seinem Arbeitszimmer. Es ist nicht besonders groß, einfach, aber geschmackvoll in seiner ganzen Ausstattung. Über dem großen Schlafsofa hängen mehrere Porträte, darunter vor allem jene des kaiserlichen Herrn im Zivilanzuge, wie in Generalsuniform; von einer anderen Wand schaut das Bild König Ludwigs II. von Bayern her, es fehlen nicht in breiten goldenen Rahmen die lebensgroßen Porträte der beiden gewaltigen Hohenzollern, des Großen Kurfürsten und Friedrichs II., aber auch der Gegenwart wird ihr Recht. Über dem Mahagonistehpult sehen die freundlichen Augen der Fürstin Bismarck herab, und in ovalem Goldrahmen prangt an der Wand das in Öl ausgeführte Porträt der Komteß Marie. Auch das Gipsmedaillon des treuen Genossen, des Generals Moltke, fehlt nicht.
In der Mitte des Raumes steht der umfangreiche Schreibtisch, davor zwei Polsterlehnstühle, in deren einem der Kanzler sich langsam niedergelassen hat. Er lehnt sich noch einmal sinnend zurück und läßt den Blick über den Tisch hinschweifen, an dem so manches bedeutsame Schriftstück die letzte Vollendung erhalten hat. Seine Hand hat einen der großen Bleistifte gefaßt und gleitet mit diesem über das rote Löschpapier, das auf der grünen Tuchunterlage ruht. Vor ihm stehen mancherlei Erinnerungen: Ein Briefbeschwerer aus einer 1866 eroberten Kanone, und ein anderer, zu dem ein französisches Geschütz das Material geliefert hat, und anderes mehr.
Das Signal »der Fürst ist im Arbeitszimmer« ist durch das Haus gegangen, und es währt nicht lange, so erscheint der Geheime Legationsrat Lothar Bucher, ein Herr von etwa sechzig Jahren mit einem vornehmen Gesichte und klaren, verständigen Augen, der seit 1864 ein treuer und gediegener Mitarbeiter Bismarcks geworden ist; er hält dem Kanzler Vortrag, und nimmt seine Weisungen entgegen. Und von dem kleinen Arbeitszimmer Bismarcks aus laufen all die tausend Fäden, die mit der Regierung eines großen Reiches verknüpft sind.
So kommt der Abend, und der Kanzler hat daran zu denken, daß er die Pflichten des gastfreundlich liebenswürdigen Wirtes zu üben hat.
Um die neunte Stunde belebten sich die Räume der ersten Etage. Abgeordnete von allen Parteischattierungen stiegen die teppichbelegten Treppen hinan, vorüber an zahlreichen Dienern in schwarzweißer Livree, und betraten das behagliche, freundliche Empfangszimmer, wo der Hausherr nebst seiner Gemahlin sie bereits begrüßte und den meisten herzlich die Hand drückte. Flüchtig streiften die Augen der Ankommenden durch den hellen Raum, und manch einer ließ sie auf dem springenden Hasen, der auf dem Büfett stand, haften.
Da es sich just etwas um den Hausherrn lichtete, und die Besucher in das Billardzimmer traten, fragte einer derselben flüchtig, was wohl dieser »Meister Lampe« für eine besondere Bedeutung habe.
»Ja, sehen Sie, dieser Hase ist brünett,« sagte lächelnd der Kanzler.
»Brünett?«