»Ja, er hat einen dunkelbraunen Kopf und Rücken, während seine Verwandtschaft gelb ist. Er war der einzige Brünette unter fünfzehnhundert, die wir an dem Tage schossen.«

Durch die offene Tür warfen die Besucher einen Blick in das Arbeitszimmer des großen Staatsmannes, ehe sie in die eigentlichen Gesellschaftsräume traten und sich in denselben verteilten. Es herrschte bald der heiterste und zwangloseste Verkehr, die weißen Glacéhandschuhe verschwanden, in den Nischen der Fenster, an den kleinen Tischen, überall bildeten sich plaudernde Gruppen, während die Diener den Tee herumreichten. Frack und Uniform verkehrten friedlich und gemütlich, sowie die Vertreter aller Fraktionen selbst. Da saß der kleine, bewegliche Exminister von Hannover, Windthorst, zusammen mit dem liberalen Forckenbeck, der Zentrumsführer Reichensperger mit dem mitunter boshaften Lasker, und Scherzworte gingen hin und her.

Der Verkehr zog sich mehr nach dem länglich runden Speisesaale mit seinen gelben Marmorwänden, von dessen Decke der altertümliche Kronleuchter mit Messingreifen und Glasperlen herniederhängt, während von der Wand eine Anzahl siebenarmiger Bronzeleuchter ihr Licht hinwerfen über das belebte Bild. In diesem Raume war das Büfett aufgestellt, das gar manches Verlockende darbot, und bald sah man die Gäste da und dort beisammen stehen mit ihrem Teller in der Hand, während behaglichere sich zusammensetzten, und die herumgehenden Diener aus prächtigen silbernen Humpen das schäumende Bier einschenkten.

Der liebenswürdige Gastgeber aber tauchte mit seiner breiten Gestalt bald da, bald dort auf, unter der machtvollen Stirne leuchteten die Augen so frei und freundlich, und überall fand er das rechte Wort, um die Stimmung zu beleben, und beim Zusammentreffen der Gegensätze jede feindselige Spitze abzubrechen. Zuerst hatte das Gespräch noch eine vorwiegend politische Färbung gehabt im Anschlusse an die erregten Debatten über das Sozialistengesetz.

»Großen Nutzen erwarten wir von dem Gesetze nicht, Ausnahmegesetze sind immer bedenklich!« hatte ein oppositioneller Abgeordneter bemerkt, und Bismarck, welcher es vernahm, erwiderte:

»Mit der bloßen Abwehr der sozialistischen Umtriebe ist es freilich nicht getan, es muß auch an die positive Heilung der sozialistischen Schäden gegangen werden. Der Staat muß sich des kleinen Mannes, der arbeitenden Klassen annehmen und ihnen helfen!«

»Aber das ist ja Staatssozialismus!« rief eine Stimme.

»Halt, meine Herren, so möchte ich es nicht bezeichnen, es ist vielmehr praktisches Christentum, denn meines Erachtens sollte ein Staat, der seiner großen Mehrzahl nach aus aufrichtigen Bekennern des christlichen Glaubens besteht, auch bemüht sein, den Armen, Schwachen und Alten zu helfen.«

Aber schon schweift der Blick des Kanzlers wieder durch den Kreis seiner Gäste. Auf einem alten Herrn bleibt er haften, das war ein Verbindungsbruder aus der fröhlichen Göttinger Studentenzeit, und mit dem Glase in der Hand trat der Fürst an ihn heran: »Auf das alte Blau-Rot-Gold der Göttinger Hannovera, Herr Korpsbruder!« und kräftig klingen die Gläser zusammen.

Gleich darauf wendete er sich einer Gruppe von Herren zu, deren heiteres Lachen ihn an ihren Tisch zog.