»Der vortreffliche Rehrücken verleitet zu Jagdgeschichten, und der Herr Kollege X. verübt ein beneidenswertes Jägerlatein!« sagte einer der Herren. Bismarck ließ sich bei ihnen nieder.

»Hören Sie, meine Herren, da kann ich mir’s nicht versagen, just in Ihrem Kreise – und Sie repräsentieren Frankfurt-Nassau – eine Jagdgeschichte zu berichten, die Ihren Landsmann, den »dicken Daumer« mitbetrifft. Vielleicht ist einem oder dem anderen unter Ihnen erinnerlich, daß derselbe von einer beständigen und gewaltigen Todesfurcht gepeinigt wurde und durchaus nicht an das Sterben erinnert sein wollte. Eines schönen Herbstmorgens bin ich mit ihm bei Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir hoch im Gebirge Rast hielten, fand ich zu meinem Schrecken, daß ich mich nicht mit einem Frühstück versehen hatte. Der »dicke Daumer« aber zog mit Behagen eine mächtige Wurst hervor, von welcher er mir in großmütiger Weise die Hälfte anbot. Er begann zu schmausen, mit einem beneidenswerten, in meiner Situation aber sehr bedauerlichen Appetit, denn er war bereits in meine Hälfte seiner Wurst hineingeraten. Ich hätte vor Wehmut Frankfurterisch reden mögen. Da frage ich ihn denn so von ungefähr:

»Ach, sagen Sie mir, Her Daumer, was is doch des Weiße da unne, was aus de Zwetschebaim herausschaut?«

»Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe – des is der Kirchhof.«

»Aber, lieber Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhn.«

»Nu, Exzellenz, nu leg’ i awer die Wurscht weg.« Der dicke Daumer blieb bei seinem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück!«

Unter dem allgemein anhaltenden Lachen war Bismarck aufgestanden und bereits zu einer anderen Gruppe getreten. Hier wurde eben erzählt, daß ein bekannter Herr mit dem Pferde gestürzt sei, und er bemerkte:

»Ich glaube, daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß mir das wohl fünfzigmal passiert ist. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Dabei habe ich mir in Varzin einmal drei Rippen gebrochen. Das Seltsamste aber, was ich in dieser Beziehung erlebte, war das: Ich war mit meinem Bruder auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus war, auf einmal einen fürchterlichen Knall: Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd war von der Laterne eines entgegenkommenden Wagens gescheut und mit mir zusammengefallen, und zwar auch auf den Kopf. Ich verlor zuerst die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, hatte ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Da mein Sattel zerbrochen war, nahm ich das Pferd des Reitknechts und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde zur Begrüßung anbellten, hielt ich sie für fremde Hunde und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch auf einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich und auch zugleich der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, dann ging ich zu Bette, und als ich am Morgen ausgeschlafen hatte, war alles wieder gut.«

Nun wurden im Saale die Zigarren angebrannt, der Kanzler aber bat sich aus, seine Pfeife rauchen zu dürfen; behaglich stiegen die blauen Wölkchen gegen die Decke, und die Stimmung der Gäste wurde immer lebendiger.

»Eine hocherfreuliche Eintracht zwischen Nord- und Süddeutschland!« rief der Fürst lachend an einem Tische, wo Abgeordnete von diesseits und jenseits des Mains sich in heiterster Weise unterhielten und eben mit den gefüllten Gläsern anstießen. »Lassen Sie mich dieselbe mitfeiern!«