»Ihr Verdienst, Durchlaucht!« rief einer der Gäste.
»Na, wie man’s nimmt! Der Himmel hat’s zum Segen gewendet. Aber wissen Sie, wäre der Krieg von 1866 uns mißglückt, so hätte ich als Soldat den Tod gesucht, denn ich bin überzeugt, daß mich sonst die alten Weiber in Berlin mit nassen Handtüchern totgeschlagen hätten.«
»Ihr Empfinden in weltgeschichtlich bedeutenden und entscheidenden Momenten muß aber doch jederzeit ein erhebendes und gewaltiges gewesen sein, Durchlaucht,« bemerkte ein Abgeordneter, »wie war Ihnen wohl zumute, als Sie mit Kaiser Napoleon nach Sedan zusammentrafen?«
»Ja, sehen Sie, meine Herren, das ist nun fast wunderlich. Als ich in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchery mit ihm zusammensaß, war mir so wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum Kotillon engagiert hatte, mit dem ich kein Wort zu sprechen wußte, und das niemand abholen wollte.«
So verrann die Zeit in dem gastfreundlichen, liebenswürdigen Hause, und um die elfte Stunde brachen die Besucher allmählich auf. Der Fürst reichte jedem freundlich die Hand und vergaß nicht, ein herzliches »Auf Wiedersehen« beizufügen.
Der letzte Gast ist gegangen; der Kanzler steht einige Augenblicke allein in dem Teezimmer und stützt die Hand auf einen kleinen Mahagonitisch, auf welchem eine Metallplatte angebracht ist mit der Inschrift: »Auf diesem Tische ist der Präliminarfriede zwischen Deutschland und Frankreich am 26. Februar 1871 zu Versailles, Rue de Provence Nr. 14, unterzeichnet worden.« Sein Blick fliegt über die Ahnenbilder an der Wand, ein leises Lächeln huscht um die Mundwinkel, als ob ein angenehmer Gedanke ihm durch die Seele ziehe, dann tritt er in das kleine anstoßende Gemach, wo bei traulichem Lampenschimmer seine Gemahlin mit einigen verwandten Damen sitzt, und bringt noch einige Zeit in anmutigem Geplauder zu.
Hierauf sucht er noch einmal sein Arbeitsgemach auf, aber diesmal nur flüchtig, und tritt von hier aus durch eine Tapetentür in sein Schlafgemach, wo das von einem rotbekleideten Schirm umgebene Bett steht, und wo ein behagliches Sofa mit einigen Polsterlehnsesseln, eine kleine Mahagonikommode und ein alter Holzschrein an der Wand die einfache Einrichtung vervollständigen.
Der Kanzler tritt noch einmal an das einzige Fenster, schiebt den Wollvorhang zurück und sieht hinaus. Leise verhallend klingt der Lärm der auch in der Nacht nicht rastenden Großstadt hierher, aber er stört nicht, und hoch am Himmel blinken die tausend und abertausend Sterne. Der einsame Mann aber betet im frommen Aufblick in tiefster Seele:
»Vater im Himmel, schütze Reich und Kaiser!«