Am Abend des 1. März 1885 ging durch Berlin eine freudige Erregung. Es war der Vorabend des siebzigsten Geburtstages des Reichskanzlers, und die Hauptstadt rüstete sich, denselben festlich zu begehen. Zumal Unter den Linden, in der Wilhelmstraße und in allen angrenzenden Straßen bis zum Kreuzberg hinauf drängten und fluteten Hunderttausende durcheinander, um den großartigen Fackelzug zu sehen, den die Verehrung der Vertreter eines ganzen Volkes dem großen Staatsmann darbrachte.
An den verschiedensten Punkten hatten sich die Teilnehmer gesammelt, und um die siebente Stunde fanden sich die einzelnen Züge im Lustgarten zusammen, und dann strömte es hinein in die breite Straße Unter den Linden, um zuerst an dem Königsschlosse vorüberzudefilieren. Um ½8 kam die Spitze des Zuges bei demselben an, und weithin schallender Jubel, begeisterter Gesang der Königshymne verkündete, daß der greise Kaiser sich seinem Volke zeigte, freudig bewegt über die Kundgebung der Verehrung, die seinem treuesten Diener dargebracht wurde.
Eine Viertelstunde später bog der Zug in die Wilhelmstraße ein. Alle Fenster waren dichtbesetzt von Menschen, die Straße selbst lag in feierlicher Stille, abgesperrt von jedem Verkehr. Sechs Fanfarenbläser in reicher Heroldstracht eröffneten den Zug, dann kamen im Galawagen das Zentralkomitee, zahllose Sänger und die Vertreter der deutschen Hochschulen mit flatternden Fahnen und wehenden Bannern, auf welche der rote Schimmer der Fackeln leuchtete, welche die nebenher Schreitenden trugen.
Vor dem Reichskanzlerpalais bogen die Sänger in den Schloßhof ein – am Eckfenster erschien die stattliche Gestalt des Fürsten, und während aus tausend Kehlen wie ein machtvoller Hymnus das Lied »Deutschland, Deutschland über alles« erklang, immer aufs neue übertönt von den brausenden Hochrufen, entwickelte sich der glänzende Zug immer mehr.
Nun flutete heller Lichtschimmer durch die Straße. Der Zug der Künstler kam. Alles war in Pracht und Glanz getaucht, und märchenhaft schön trat aus den wogenden Menschen ein riesenhaftes Schiff hervor, auf welchem unter einem prachtvollen Baldachin die imposante Gestalt der Germania sich zeigte, den Goldhelm auf dem blonden Gelock, das blanke Schwert im Arm, wie sie freundlich niedersah auf ein Bild des Friedens. Ihr zu Füßen stehen, in anmutigen Frauengestalten verkörpert, die deutschen Stämme um den von Adlern geschirmten Thron, und um sie her bindet der Landmann seine Garben, hämmert der fleißige Schmied, regt sich Gärtner und Fischer und scharen sich fleißige Schüler um das engumschlungene liebliche Schwesternpaar Elsaß-Lothringen. Nach dem Bugspriet zu aber halten deutsche Soldaten, um ihre Fahnen gereiht, die Friedenswacht.
Dann kamen, von deutschen Künstlern wirksam dargestellt, die deutschen Brüder aus den Kolonien, die Bismarck dem Reiche gewonnen. King Bell auf hohem Kamele reitet ihnen voran, und ihm folgen die Würdenträger von Kamerun, das wunderliche Volk der fremden Schlangenbändiger und Sänger, und die drastischen Gestalten der braunen Landwehrleute, die sich vor dem Kanzler platt auf die Erde niederwerfen.
Vorüber! Bei zweihundert Ruderer und Segler bilden die Einleitung zu den patriotischen Vereinen der Hauptstadt, es folgen die Innungen mit den festlich geschmückten Bannern; rot glänzt der Schein ihrer tausend Fackeln, der dunkle Qualm lagert sich breit und wuchtig über dem Bilde, und immer aufs neue folgen phantastische Prunkwagen, schimmernde Embleme, wunderliche Transparente und noch immer kein Ende!
Anderthalb Stunden waren vergangen. Mit den Seinen stand der Kanzler am Fenster, hochaufgerichtet, die Seele erfüllt von glücklichem Stolze, von dem freudigsten Bewußtsein der Verehrung des deutschen Volkes, das ihn in dieser Stunde entschädigte für manchen herben und bitteren Tag.
Mit einmal begann es heller zu leuchten als je zuvor. Ein Schimmer wie von vollem Sonnenlichte flog durch die breite Straße und über die vielen Menschen leuchtend in weißem Glanze lagen die Häuser da, und einige Augenblicke schlossen sich die schier geblendeten Augen. Die Arbeiter der Scheringschen Fabrik waren es, die mit Magnesiumleuchten heranzogen, und als der volle magische Lichtglanz die Szene überflutete, da traten die Sänger, wohl mehr als zweihundert, aus dem Vorhofe des Schlosses und stimmten machtvoll ergreifend ihr harmonisches Hoch auf das Geburtstagskind an.
Da winkte der Kanzler mit der Hand – er wollte sprechen. In wenigen Augenblicken lag die Stille des Gotteshauses über der menschenvollen Straße, und die Stimme Bismarcks klang klar und vernehmlich: »Noch zehn Jahre wie heute – –«