Aber schon brauste der Jubel wieder auf bei den ersten Worten.

»Zwanzig Jahre – hundert Jahre für den Fürsten! – Hoch Bismarck! – Hoch der Kanzler!«

Und mit geradezu elementarer Gewalt brach sich die Begeisterung Bahn, und Luft und Erde schien zu beben unter dem Jubelsturm. Immer aufs neue winkte der Gefeierte mit der Hand, beschwichtigend und dankend zugleich, und wiederum wurde es still, und seine Stimme klang weithin:

»Ich danke Ihnen allen aus tiefstem Herzen für die großartige Ovation, welche Sie mir aus Anlaß meines siebzigsten Geburtstages dargebracht haben. Das Verdienst, Deutschland groß und stark zu sehen, gebührt unserem greisen Heldenkaiser, dem wir jetzt fünfzehn Jahre des Friedens verdanken. Seine Majestät der Kaiser, er lebe hoch!«

Wenn die ungeheure Begeisterung überhaupt noch einer Steigerung fähig war, so trat eine solche jetzt ein. Die ganze Liebe einer großen, starken, glücklichen Nation drängte sich in diese riesigen, nie gehörten Rufe der Begeisterung. Das Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht – aber während das aufgeregte Berlin noch lange in seinem Jubel fortklang und sang, ward es allgemach still in der Wilhelmstraße, und die Schleier der Nacht hüllten wieder das Haus ein, das noch vor kurzem vom hellsten Lichte umflutet war.

Am Morgen des ersten April schritt der Kanzler langsam durch die breite Allee seines Parkes. Noch waren die Rüstern unbelaubt, nur das Moos an den gewaltigen Stämmen schimmerte grünlich, an dem Gesträuch ringsum aber drängte es bereits hervor von knospendem Frühlingsweben. Vieles ging durch die Seele des einsamen Mannes, Erinnerungen an Tage heißen Kämpfens, aber auch schöne Erfolge.

Was war nicht durch ihn errungen und geschaffen worden seit der Erneuerung des Reiches! Das Fundament desselben schien gesichert gegen die Angriffe von innen und außen. Den Rachegelüsten Frankreichs war die Spitze abgebrochen worden durch eine meisterhafte politische Aktion, welche Deutschland mit Österreich und Italien zu einem Dreibund für Schutz und Trutz vereinte. Der Kanzler denkt daran, wie er im September 1879 von Gastein aus nach Wien gefahren, wie ihn die Hauptstadt Österreichs freundlich sympathisch aufgenommen, und Kaiser Franz Joseph, der um seinetwillen die Jagd in Steiermark unterbrochen hatte, mit herzlicher Liebenswürdigkeit empfing, in Schönbrunn ihm zu Ehren ein diplomatisches Diner veranstaltete und ihn dabei an der Schwelle des Saales als seinen Gast begrüßte. – Das alles dreizehn Jahre nach Sadowa!

Der Fürst denkt auch an die Gefahr, die dem neuen Reiche von der Eifersucht Rußlands drohte, und wie sie unter dem Einfluß günstiger Umstände und dank seiner klugen diplomatischen Schachzüge beseitigt worden war; er erinnert sich mit Freude und Dankgefühl der schönen Stunde, da im September 1884 auf dem Schlosse Skierniewice sich die Kaiser von Deutschland, Österreich und Rußland in Freundschaft die Hände reichten zu einem neuen Dreikaiserbündnis und zu einer Bürgschaft des europäischen Friedens.

Und weiter gehen an seinem Geiste vorüber seine Bemühungen, den Ruhm und Ruf der deutschen Flagge und des deutschen Namens über die Weltmeere zu tragen und in fernen Weltteilen, zumal in Afrika, Ländereien und Kolonien zu gewinnen, um dem deutschen Handel neue Bahnen zu erschließen und ihn zu fördern und zu heben.

Er denkt aber auch in dieser Stunde der heißen Kämpfe, die er mit einzelnen Richtungen der deutschen Volksvertreter im Reichstage auszustreiten hatte, und wie er manchmal an das Wort des Altmeisters Goethe erinnert wurde: »Ach, ich bin des Treibens müde!« Mehr als einmal hat er sein Amt niederlegen wollen in die Hände seines Kaisers, der aber hatte auf sein Entlassungsgesuch nur das eine Wort geschrieben: »Niemals!«