Dem gewaltigen Recken will es feucht und heiß in die Augen steigen, wenn er des vielgeliebten greisen Herrn denkt, und er entsinnt sich des Wortes, das er einst vor den Vertretern des deutschen Volkes gesprochen: »Nachdem ich im Jahre 1878 meinen Herrn und König nach dem Nobilingschen Attentate in seinem Blute habe liegen sehen, da habe ich den Eindruck gehabt, daß ich dem Herrn, der seinerseits seiner Stellung und Pflicht vor Gott und den Menschen Leib und Leben dargebracht und geopfert hat, gegen seinen Willen nicht aus dem Dienste gehen kann. Das habe ich mir stillschweigend gelobt.«
Heute ist er siebzig Jahre alt geworden im Kampf, aber auch in Ehren. Doch dieser Tag gehört nicht ihm allein, er gehört dem ganzen deutschen Volke. – Daran denkt er jetzt, und langsam wendet er seine Schritte dem Hause zu.
Schon am vorhergehenden Tage waren Glückwünsche und Geschenke in überreicher Zahl von allen Seiten her eingetroffen, heute aber kamen deren noch weit mehr.
Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit schenkte ihm zum Angebinde den alten Besitz seiner Familie in Schönhausen, Schloß und Gut, das 1835 an die Familie von Gärtner gekommen war; die deutschen Papierfabrikanten hatten einen gewaltigen Eichenschrank gesendet, der in seinen schier zahllosen Fächern und Schubladen aller Arten Papier und Kuverts, Stahlfedern und Bleistifte von den kleinsten und dünnsten bis zu den mächtigen Parlamentsstiften, kurz, alles Schreibmaterial in solcher Menge enthielt, daß Enkel und Urenkel des Kanzlers es kaum aufbrauchen werden. Das war ja in den Sälen eine kleine Industrieausstellung. Dazu der überreiche Blumenschmuck, und die »Getreuen in Jever«, die alljährlich zu diesem Tage aus dem Lande der Friesen 101 Kiebitzeier zu senden pflegten, fehlten natürlich auch diesmal nicht, und hatten ihrer Gabe das hübsche plattdeutsche Wort beigefügt:
Säbentig Johr lewt,
Uemmer dütsch strewt,
Uemmer dütsch dahn:
Lat wieder so gahn!
Das Schönste und Liebste aber war doch wohl die Gabe seines greisen Herrn und Kaisers, jenes prachtvolle, von der Meisterhand Anton von Werners gemalte Bild, welches die ewig denkwürdige Szene der Kaiserproklamation im Schlosse zu Versailles in überaus lebensvoller Weise zur Darstellung brachte.
Tiefgerührt stand der Kanzler vor dem Gemälde, das ihm einen der herrlichsten Augenblicke seines Lebens vor die bewegte Seele stellte, noch mehr aber ergriff ihn das Handschreiben seines Kaisers, welches der Gabe beigefügt war. Er las es, während es sich wie ein leiser feuchter Schleier über seine Augen legte. Es lautete: