»Mein lieber Fürst!
Wenn sich im deutschen Lande und Volke das warme Verlangen zeigt, Ihnen bei der Feier Ihres siebzigsten Geburtstages zu bestätigen, daß die Erinnerung an alles, was Sie für die Größe des Vaterlandes getan haben, in so vielen dankbaren Herzen lebt, so ist es Mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute auszusprechen, wie hoch es Mich erfreut, daß solcher Zug des Dankes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es freut Mich die für Sie wahrlich im höchsten Maße verdiente Anerkennung und erwärmt Mir das Herz, daß solche Gesinnungen sich in so großer Verbreitung kundgetan, denn es ziert die Nation in der Gegenwart, und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie Erkenntnis für das Wahre und Große zeigt, und wenn sie ihre hochverdienten Männer ehrt und feiert. An solcher Feier teilzunehmen, ist Mir und Meinem Hause eine besondere Freude, und wünschen Wir Ihnen durch beifolgendes Bild auszudrücken, mit welchen Empfindungen dankbarer Erinnerung wir dies tun; denn dasselbe vergegenwärtigt einen der größten Momente der Geschichte des Hohenzollernhauses, dessen niemals gedacht werden kann, ohne sich zugleich auch Ihrer Verdienste zu erinnern. Sie, mein lieber Fürst, wissen, wie in Mir jederzeit das vollste Vertrauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankesgefühl für Sie leben wird, Ihnen sage ich daher mit diesem nichts, was ich Ihnen nicht oft genug ausgesprochen habe, und ich denke, daß dieses Bild noch Ihren späten Nachkommen vor Augen stellen wird, daß Ihr Kaiser und König und sein Haus sich dessen wohl bewußt waren, was Wir Ihnen zu danken haben. Mit diesen Gesinnungen und Gefühlen endige ich diese Zeilen, als über das Grab hinaus dauernd. Ihr dankbar treu ergebener Kaiser und König Wilhelm.«
Und unter allen den vielen, den hervorragenden Persönlichkeiten, welche an diesem Tage in das Palais nach der Wilhelmstraße kamen, war die herrlichste der greise Kaiser selbst. Es war der weihevollste, ergreifendste Augenblick dieses Tages, als der Herrscher in tiefer Bewegung seinen treuen Kanzler in die Arme schloß, als das Haupt Bismarcks sich einige Sekunden an die Schulter des teuren Herrn lehnte, dem er sich mit Blut und Leben verpflichtet hatte bis zum letzten Atemzuge.
Solche Minuten mußten dem Recken neue Kraft geben zu weiteren Kämpfen, die er herrlich und mannhaft durchfocht zur Ehre und zum Segen des Deutschen Reiches und Volkes. Immer wieder das rachelustige Säbelrasseln von Paris her, und auch in Rußland machte sich eine deutschfeindliche Strömung bemerkbar. Da galt es beizeiten zu kräftiger Abwehr zu rüsten, und eine Verstärkung des Heeres zu erlangen. Und das deutsche Volk widerstrebte der wiederholt vorgetragenen Forderung nicht, und Bismarck konnte aller Welt das herrliche Wort zurufen:
»Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!«
Das war am 6. Februar 1888 gewesen, und das Wort klang in vieltausend deutschen Herzen wieder, denen in jenen Tagen ein solcher Trost ungemein not tat. Denn das Unheil hatte sich leise und heimtückisch herangeschlichen an das Kraftgeschlecht der Hohenzollern, und des Kaisers herrlicher Sohn, der Kronprinz Friedrich, »unser Fritz«, siechte fern von der Heimat, in Italien, an einem furchtbaren Leiden hin, das aller Kunst der Ärzte spottete. Das griff auch dem greisen Herrscher an Seele und Leben.
Er erkrankte in den ersten Tagen des März, und dumpfes, schmerzliches Bangen erfaßte alle Gemüter.
Am 8. März hatte der treue Kanzler seinem Herrn noch einmal kurzen Vortrag gehalten, und die schwache Hand des kranken Greises, der »keine Zeit hatte, um müde zu sein«, hatte mit zitternden Händen noch einmal den kaiserlichen Namen unter das Dokument gesetzt, welches den Schluß des Reichstags verkünden sollte.
Tieferschüttert, nahezu hoffnungslos war Bismarck fortgegangen. Vor dem Palais aber drängten sich Tausende voll Liebe und Besorgnis, und sie sahen ihm in das ernste Gesicht, das eisern seine Fassung zu wahren bemüht war.
Eine endlos lange, bange Nacht verstrich; die Besorgnis raubte dem Kanzler und manchem anderen die Ruhe, angstvoll schaute man dem Morgen entgegen, und in dessen Verlaufe geschah das Traurige. Am 9. März um ½9 Uhr vormittags schied Kaiser Wilhelm aus dem Leben – nicht lange danach sank die Kaiserstandarte auf dem Schlosse nieder, und ein ganzes Volk weinte um seinen liebsten Helden.