Das waren unvergeßliche Stunden: schmerzerstarrte Männer, schluchzende Frauen, weinende Kinder überall! Bei dem edlen Toten aber stand noch einmal an jenem Vormittage des Reiches erster Kanzler. Da ruht der Greis, dem er sich ganz geweiht hatte, halb sitzend, zurückgelehnt in die weißen Kissen, und auf dem Antlitz liegt der Zug seligen Friedens, unbeschreiblicher Ruhe und Milde. Da überwältigt es beinahe den gewaltigen Mann; ihm stürzen unaufhaltsam die Tränen aus den Augen, und er braucht sich ihrer nicht zu schämen, denn wer dem stillen, unvergeßlichen Toten nahte, der mußte weinen im Übermaß eines Jammers, der das ganze Volk durchzitterte.

Aber den Kanzler ruft seine Pflicht.

Um ½10 Uhr erschien er, fest und stark, aufgerichtet und gefaßt im Reichstagssaale. Er erbat sich das Wort, und unter tiefem, heiligem Schweigen begann er:

»Mir liegt die traurige Pflicht ob, Ihnen die amtliche Mitteilung von dem zu machen, was Sie bereits tatsächlich wissen werden, daß Seine Majestät der Kaiser Wilhelm heute vormittag ½9 Uhr zu seinen Vätern versammelt worden ist –.«

Hier drohten die Tränen die Stimme des Redners zu ersticken, er rang mit seiner Rührung wie ein Held, und fuhr fort:

»Die Folge dieses Ereignisses ist, daß die preußische Krone und damit nach Artikel 11 der Reichsverfassung die deutsche Kaiserwürde auf Seine Majestät Friedrich III., König von Preußen, übergegangen ist. Nach den mir zugegangenen telegraphischen Nachrichten darf ich annehmen, daß Seine Majestät, der regierende Kaiser und König, morgen von San Remo abreisen und in der gegebenen Zeit hier eintreffen wird.

Ich hatte von dem Höchstseligen Herrn in seinen letzten Tagen« – wiederum rannen dem Redner die Tränen über die Wangen – »in Betätigung der Arbeitskraft, die ihn erst mit dem Leben verlassen hat, noch die Unterschrift erhalten, welche vor mir liegt, und welche mich ermächtigt, den Reichstag in der üblichen Zeit nach Abmachung seiner Geschäfte, das heißt also etwa heute oder morgen, zu schließen. Ich hatte die Bitte an Seine Majestät gerichtet, nur mit dem Anfangsbuchstaben des Namens noch zu unterzeichnen, Seine Majestät hatten mir darauf erwidert, daß Sie glaubten, noch den vollen Namen schreiben zu können. Infolgedessen liegt dieses historische Aktenstück hier vor.

Unter den obwaltenden Umständen nahm ich an, daß es den Wünschen der Mitglieder des Reichstages ebenso wie denen der verbündeten Regierungen entsprechen wird, daß der Reichstag noch nicht auseinander geht, sondern zusammen bleibt bis nach dem Eintreffen seiner Majestät des Kaisers, und ich mache deshalb von dieser Allerhöchsten Ermächtigung weiter keinen Gebrauch, als daß ich dieselbe als historisches Denkmal zu den Akten gebe und den Präsidenten bitte, die Entschlüsse, welche den Stimmungen und Überzeugungen des Reichstages entsprechen, in dieser Sitzung herbeizuführen. Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt. Diese Gefühle bei dem Ausscheiden des ersten deutschen Kaisers aus unserer Mitte, die mich tief bewegen, leben im Herzen eines jeden Deutschen. Es ist deshalb nicht nötig, demselben hier Ausdruck zu geben. Aber eines glaube ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen, die Tatsache, daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war diejenige, daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzt regierenden Herrn, in der ganzen Welt Teilnahme erregten. Ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork erhalten, das von Teilnahme erfüllt war und das Vertrauen beweist, das sich die Dynastie des deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Das ist ein Erbteil, kann ich wohl sagen, was des Kaisers lange Regierung dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das sich die Dynastie erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen. Die zweite Richtung, in der Seine Majestät einen Trost gefunden hat bei den schweren Schickungen, war diejenige, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Konsolidierung der Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst enge angehörte, daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, die den Abend seines Lebens verschönte und erleuchtete. Es trug dazu namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit seltener Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags, dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in den letzten Unterredungen, die ich mit meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt habe – es war gestern – hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herrn, es wird für Sie alle erwünscht sein, das Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung aus den letzten Äußerungen unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, da jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an diesem Verdienste hat. Die heldenmütige Tapferkeit, meine Herrn, das nationale Ehrgefühl, die treue, arbeitssame Pflichterfüllung und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, das uns der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser hinterlassen hat. Das hoffe ich zu Gott, daß dies Erbteil von allen, die wir an den Geschäften des Vaterlandes mitzuwirken haben, im Krieg und Frieden, in Heldenmut und Hingebung, Arbeitsamkeit und Pflichttreue bewahrt bleibe.«

Lautlose Stille folgte den Worten, die Abgeordneten, selbst jene der sozialdemokratischen Partei, hatten sich von ihren Sitzen erhoben, der Reichskanzler aber, der sein Schluchzen kaum mehr verhalten konnte, hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und schlug die Hände vor das Antlitz. Es war ein erschütternder Anblick, den gewaltigen Mann, den eisernen Kanzler, weinen zu sehen um seinen toten Kaiser.

Der Präsident von Wedell-Piesdorf schloß mit wenigen Worten die ewig denkwürdige Sitzung, und nun schritt Bismarck von seinem erhöhten Platze hinab in das Haus. Sein Blick haftete auf seinem treuen Genossen, dem greisen Feldmarschall Moltke, der trotz der Nachtwachen, trotz der Anstrengung und Aufregung der letzten Tage seiner Pflicht getreu, seinen Sitz im Abgeordnetenhause eingenommen hatte. Er trat dem Kanzler entgegen, und die Hände der beiden Männer fanden sich zu einem beredten Drucke. Sprechen konnte zunächst keiner von ihnen, die Tränen standen beiden in den Augen – es war eine ergreifende historische Szene. Endlich faßte sich Bismarck, mit wärmerem Drucke der Hand sprach er, und seine Stimme bebte: