»Uns beide hält des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr im Gleise!«

Der Dienst aber rief den Kanzler zur Begleitung und Heimholung des neuen Kaisers Friedrich III. Der deutsche Himmel war nicht freundlich, als der kranke Dulder heimkam. Es war, als liege Trauer und Schmerz ausgebreitet durch das Land und durch die Lüfte. Als Bismarck, der seinem neuen Herrn bis Leipzig entgegengefahren war, mit diesem nach seinem Lande, in die Mitte seines bange und traurig harrenden Volkes eilte, schnob der Ostwind eiskalt durch die Straßen, und der Sturm wehte winterliche Flocken wild durcheinander, und in derselben Nacht, um die Mitternachtsstunde, in der kein Stern vom Himmel leuchtete, und nur die trübe flackernden, schneeverhüllten Gaslaternen und tiefrot qualmende Fackeln die erschütternde Szene erhellten, ward die Leiche Kaiser Wilhelms nach dem Dome überführt.

Dem Trauergottesdienst selbst vermochte Bismarck in seiner tiefen, gramvollen Ergriffenheit nicht beizuwohnen, auch Moltke blieb fern – beides auf Wunsch des neuen Kaisers, der ja selbst nicht seinem toten Vater das letzte Geleit geben konnte, aber am 16. März, als der teure Verblichene hinausgeleitet wurde nach dem stillen Mausoleum in Charlottenburg, um dort neben seinen Eltern beigesetzt zu werden, da fehlte der Kanzler nicht.

Als der Trauerzug die Schloßterrasse betrat, – es war etwa um ½4 Uhr, erschien oben an einem Fenster eine hohe Gestalt in Generalsuniform, das Orangeband des Schwarzen Adlerordens über der breiten Brust. Die Hand winkte mit dem Taschentuche wehmutsvolle Grüße, und die stattliche Erscheinung schien ab und zu wie von gewaltsamem Schluchzen durchbebt zu werden. So schied der kranke Kaiser Friedrich von dem toten Kaiser Wilhelm, der Sohn von dem heißgeliebten Vater …

Nun folgte die Regierung der 99 Tage, und solchen Heldenmut hat die Welt selten geschaut, wie Kaiser Friedrich ihn zeigte. »Lerne leiden, ohne zu klagen!« war sein schönes Wort, und treue Pflichterfüllung bis in den Tod seine schöne Tat.

In ein freundliches, hohes Gemach des lieblichen, stilltraulichen Schlosses Charlottenburg fiel der Schimmer des Frühlings. Vor den Fenstern draußen lachten die Blüten von Baum und Strauch, und die Vögel jauchzten, der kranke Kaiser aber saß in seinem Sessel zurückgelehnt, zusammengebeugt, und wendete das bleiche Gesicht seinem Kanzler zu, der vor ihm saß und ihm Vortrag hielt. Über das Antlitz Bismarcks lief ab und zu ein leises Zucken, wie von mühsam unterdrücktem Schmerz, und der Kaiser fragte:

»Ihnen ist nicht wohl, lieber Fürst?«

»Mein altes Nervenleiden, Majestät – die Neuralgie setzt mir wieder einmal zu, aber man muß darüber wegkommen.«

Da erhob sich der Herrscher und zog einen Sessel heran; auf diesen legte er die Füße seines treuen Beraters, und, damit noch nicht zufrieden, ließ er eine Decke herbeibringen und wickelte dieselben darin ein. Ein Gefühl tiefer Rührung erfaßte den Kanzler; der Kaiser, kränker als er selbst, sorgte in so gütiger Weise für ihn … Der echte Sohn des großen, edlen Hohenzollern, der ihm Herr und Freund zugleich gewesen war.

Kaiser Friedrich war nach dem bei Potsdam gelegenen schönen Friedrichskron übergesiedelt – – aber nur, um dort zu sterben. Am 14. Juni hatte Bismarck den kaiserlichen Herrn noch einmal gesehen und noch einmal den warmen Druck seiner Hand gefühlt; zu sprechen vermochte der große Dulder beinahe nicht mehr – und einen Tag später starb der edle Fürst.