Zum zweiten Male in kurzer Frist stand das deutsche Volk an der Bahre seines Kaisers, und unsagbares Weh durchzitterte die Brust des greisen Kanzlers. Aber er richtete sich auf in dem Gedanken, daß in dem Enkel seines großen Kaisers der Geist desselben fortleben werde, und ihm widmete er nun seine Treue und Liebe. – – –

Zum zweiten Male hatte Deutschland die schmerzliche Erinnerung an den Tod Kaiser Wilhelms begangen – da fiel in den Nachklang dieser Stimmung eine Kunde, welche alle Herzen mächtig bewegte: Im »Reichsanzeiger« vom 20. März 1890 stand es zu lesen, daß Fürst Bismarck und mit ihm seine beiden Söhne aus dem Staatsdienst ausgetreten seien. Die Hand, welche so lange das Staatsschiff sicher und fest geleitet, zog sich zurück von dem Steuer – was mußte dazu veranlaßt haben?

Seltsame Kunden liefen von Mund zu Mund und durch die Spalten der Blätter – absolut Sicheres war nicht festzustellen. Eine Meinungsverschiedenheit sei zwischen dem Fürsten und dem jungen Kaiser entstanden – das war zuletzt alles, was im Bewußtsein des deutschen Volkes deutlich ward und dieses bis in die weitesten Schichten hinein schmerzlich berührte.

In hohen Gnaden entließ Kaiser Wilhelm II. den treuesten Ratgeber der Hohenzollernkrone – er ernannte ihn zum Herzog von Lauenburg und zum Generalobersten, aber die Bitterkeit konnte er nicht bannen aus dem Herzen des Mannes, der die Empfindung hatte, als solle er in die Verbannung gehen. Aber er hatte den Trost, daß die Liebe mit ihm ging, wohin er sich auch wenden mochte.

Noch einmal hatte der Fürst seinen guten alten Kaiser aufgesucht in seiner stillen Gruft im Mausoleum in Charlottenburg. Von ihm mußte er Abschied nehmen, ehe er Berlin verließ, so wie der treue Soldat, der abkommandiert wird von seinem Posten, sich noch einmal bei seinem Vorgesetzten meldet. Das freundliche blaue Licht übergoß den weihevollen Raum und zitterte weich auf den Marmorbildern, der Kanzler aber war an den Sarkophag seines heißgeliebten Herrn herangetreten und neigte schwer das Haupt. Kein Menschenauge hat es gesehen, kein Herz es nachempfunden, was in jener Stunde durch die Seele des gewaltigen Mannes ging … Dann fuhr er nach Berlin zurück, und nun – nachdem der heiligsten Pflicht genügt war – hatte er hier nichts mehr zu tun.

Am 29. März verließ er das kleine Palais in der Wilhelmstraße, wovon durch so lange Jahre der Hauch seines Geistes bewegend und belebend ausgegangen war durch die ganze Welt, und der Abschied sollte ihm nicht leicht werden. Nicht die Erinnerungen allein erschwerten dem Fürsten denselben, sondern auch die gewaltig an ihn herandringende Liebe des Volkes. Was galt aller Parteizwist in einer solchen Stunde!

Die Wilhelmstraße vermochte die Menschenmenge nicht zu fassen, welche am Nachmittage jenes 29. März sie durchwogte. Um die fünfte Stunde waren die Wagen vorgefahren, und nun erschien der Kanzler mit den Seinen, einen letzten, bedeutsamen Blick noch zurückwerfend. Als aber die Tausende, die seiner harrten, ihn erblickten, da brach ein Brausen und Rufen aus, eine elementare Begeisterung, in welcher Liebe, Verehrung und Dankbarkeit ihren Ausdruck suchten. Stürmische Hochrufe wiederholten sich immer aufs neue, Blumenspenden wurden von hundert Händen herangereicht, und so dicht wogte die Volksmenge, daß die Wagen nur langsam zu fahren vermochten. Das war kein Vergessener und Verstoßener, es war ein Triumphator, der wegzog von der Stätte jahrzehntelangen Wirkens, um die wohlverdiente Ruhe zu suchen.

In allen Straßen dasselbe Bild – die schweigend, in ernster, wehmütiger Weise harrende Menge, die, sobald der Wagen Bismarcks herankommt, in endlose begeisterte Rufe ausbricht, die trotz der zahlreichen Schutzmannschaften durch alle Schranken drängt, um dem geliebten Manne den letzten Gruß, die letzte Blumenspende zu bieten.

So war der Wagen am Lehrter Bahnhof angekommen und an den kaiserlichen Gemächern vorgefahren. Der Fürst stieg aus, und in der Vorhalle blieb er stehen, während die Menge der Nachdrängenden nur mit größter Anstrengung so weit zurückgehalten werden konnte, daß für den Scheidenden und die Seinen ein Weg freiblieb; er sah mit feuchtschimmernden Augen noch einmal zurück und winkte mit der Hand zu Gruß und Dank.

Hell und warm lag die Frühlingssonne über dem ergreifenden Bilde; sie blitzte auf den blanken Gardekürassieren, deren eine Schwadron dem Fürsten das Ehrengeleite gab, auf den Helmen der Schutzleute und in den Tränen von Hunderten.