Weiter schritt der Fürst nach den Gemächern, und überall streckten sich ihm hier die Hände entgegen zu herzlichem Abschied. Hohe Offiziere, Diplomaten, die Gesandten fremder Staaten, der neue Kanzler von Caprivi – alle waren sie gekommen, ihm ihre Verehrung und Freundschaft zu bekunden, und zarte Frauenhände reichten ihm auch hier immer neuen und herrlicheren Blumenschmuck.

Nun schritt er langsam hinab nach dem Perron auf blütenüberstreutem Wege. Der Trompetenklang der Kürassiere erschallte, an ihrer Front vorüber ging er hochaufgerichtet, selbst in der Uniform der Seydlitz-Kürassiere, seinem Wagen zu. Nun aber ließ sich die Menge nicht mehr halten. Durch die geöffneten Türen der Wartesäle flutete es heraus in breitem Strome und umringte den Wagen des Gefeierten, in welchem dieser mit den Seinen in einer Fülle von Blumen Platz gefunden hatte. Mit einem beinahe wehmutsvollen Blick streift sein Auge über die herrliche Blumenspende, die mit dem schwarz-weiß-roten Bande umflochten ist, – der Abschiedsgruß des Kaisers; die Fürstin aber hat den prächtigen Korb voll Flieders an sich herangezogen, die Spende der Kaiserin, und neigt sich darüber.

Nun trat Bismarck wieder an das Fenster und schaute tiefbewegt hinaus auf die Tausende. Da pfiff die Lokomotive. Ein brausender, nicht endenwollender Ruf: »Wiederkommen!« durchzitterte die Luft, der Kanzler aber legte bedeutsam, beinahe unmutig den Zeigefinger an den Mund. Das letzte Glockenzeichen erklang, ein Kommando der Kürassiere erscholl, und ehern standen ihre präsentierenden Reihen, während die Musik einen Marsch anstimmte. Dazwischen schallte der brausende Gesang der »Wacht am Rhein«, die immer erneuten Zurufe: »Wiederkommen!« – »Lebewohl!« und das stürmische »Hoch«, das noch immer nicht verhallt, als der Zug bereits den Bahnhof verlassen hat und den Kanzler hinwegführt in die friedliche Stille des Sachsenwaldes.

Dreizehntes Kapitel.
Im Abendrot.

Wer von Berlin nach Hamburg fährt, passiert den Sachsenwald mit seinen einzigen, herrlichen Buchenbeständen, die nur da und dort von dem dunkleren Grün des Nadelholzes unterbrochen werden. Etwa eine Meile von Hamburg entfernt liegt die Station Friedrichsruh, ein kleines Örtchen mitten im Buchenwald, an dem munteren Flüßchen Aue gelegen. Hier ist die Residenz des »Herzogs von Lauenburg«, des ersten deutschen Reichskanzlers. Das Besitztum mit dem reichen Grund und Boden ringsumher hat ihm die Huld seines alten kaiserlichen Herrn nach dem großen Kriege im Jahre 1871 geschenkt, hier hat er seinen Ruhesitz gefunden, nachdem er aus dem Amte und aus Berlin weggegangen war.

Sein Schloß, das er eigentlich erst sich erbaut hat, ist nicht prunkvoll und stattlich, wohl aber traulich und behaglich. Ringsum rauschen die mächtigen Buchen und verhüllen mit ihren dichten grünen Kronen das freundliche Haus und lassen beim Näherkommen nur die rote Umzäunungsmauer des Parkes schauen. Eine schmale Pforte in derselben führt uns in die anmutige Idylle hinein; das gelblich getünchte schmucke Wohnhaus lacht uns entgegen, so gastlich und lieb, daß ein warmes Behagen davon auszugehen scheint. Auf dem Vorplatze ragt eine mächtige Tanne empor, ein Riese der Vorzeit, wie ein Symbol der Kraft des Mannes, der sich hier seinen Herd gebaut hat. Die pyramidenartig verlaufende Krone hebt sich hoch hinauf nach dem blauen Himmel. Kein Vestibül nimmt uns auf, aus dem Korridor geht es sogleich hinein in das Wohnzimmer und in die Reihe der Familiengemächer, aus deren Fenstern der Blick gern hinausschweift in den grünen Park, auf spiegelnde Wasserflächen und prachtvolle Baumgruppen.

Hier wohnt der Gewaltige, friedlich und still, im Kreise der Seinen, und sieht wie der Adler aus freier Höhe herab auf das Treiben seiner Tage und freut sich an der Verehrung und Liebe des deutschen Volkes, die ihm auch hierher gefolgt ist. Seine Kinder und Enkel suchen ihm den Abend seiner Tage zu verschönen, und oft genug kommen Gäste aus allen Teilen Deutschlands nach dem ruhigen Sachsenwalde.

Wiederum feierte er seinen Geburtstag. Freundlich war die Sonne aufgegangen über dem Sachsenwalde, und wenn auch der Frühling noch nicht seinen Einzug zwischen die Baumriesen gehalten hatte, so blaute doch der Himmel verheißungsvoll, und an den Waldrändern läuteten die Blütenglocken.

Der nahezu achtzig Jahre alte Fürst hatte sich zur gewohnten Morgenstunde erhoben, frisch und kraftvoll, und hatte mit herzlicher Freude und Dank die Glückwünsche seiner Familie entgegengenommen sowie jene der bereits eingetroffenen Gäste. Um die elfte Stunde betrat er das Empfangszimmer, und hier lag ringsum ausgebreitet die Fülle der Gaben, welche die Liebe des deutschen Volkes aus allen Gauen des Reiches dem verehrten Manne übersandt hatte. Hunderte von Kisten waren schon tags zuvor eingetroffen und ausgepackt worden, und nun stand alles wohlgeordnet: Erzeugnisse der Kunst und des Gewerbes, Spenden der Wissenschaft und der fleißigen Frauenhand, und dazwischen ein Blumenschmuck, als sei in diesem Saale selbst der Frühling voll erblüht.

Im tiefsten Herzen ergriffen stand der Reichskanzler inmitten dieser Spenden, und dann schritt er an ihnen entlang, jedes einzelne beschauend, an allem sich freuend, gleichviel ob es seinen Wert an sich hatte oder ihn erst erhielt durch die Liebe des Gebers.