Da klangen feierlich und getragen die Klänge eines Chorals in den Saal; der Fürst horchte einen Augenblick auf, dann trat er, begleitet von den Seinen, hinaus auf die freundliche Terrasse auf der Rückseite des Schlosses. Da stand eine Militärkapelle und spielte die ergreifend fromme Weise, welche das Morgenständchen einleitete, welches sie dem alten Kanzler darbringen wollte.
Es war ein schönes Bild: Im Vordergrunde unter den alten Bäumen die Musiker in ihren bunten Uniformen, umringt von einem kleinen Kreise derer, die Zutritt zu dem Parke erlangt hatten, und jenseits desselben auf grünem Wiesengrunde, der von den dunklen Rahmen des Föhrenwaldes sich freundlich abhob, und von welchem aus die Schloßterrasse voll zu überschauen war, eine bewegte, dichtwogende Menschenmenge, die von nah und fern herbeigeeilt war. In dem Saale aber, der nach der Terrasse sich öffnete, standen die Festgäste, Herren und Damen, und sahen mit freudiger Teilnahme auf den herrlichen Mann, der im Interimsrock der Kürassiere, die weiße Mütze auf dem mächtigen Haupt, hochaufgerichtet dastand und in den sonnigen Frühlingsmorgen, in die ihm zulachende Welt hinausblickte.
Von der Wiese herüber aber brausten in die Klänge der Musik die lautschallenden, begeisterten Hochrufe der Menge, die ihn heraustreten sah, und ihm ihren stürmischen Liebesgruß sandte. Da winkte er mit der Hand hinüber zu freundlichem Danke, und lauter noch jauchzte die Begeisterung auf.
Dann trat er auf den Kapellmeister zu und reichte ihm die Rechte mit leutseligen Worten, und aufs neue erklangen die Weisen der Musik, jetzt heller und frischer, und ihnen reihten sich Liederklänge an, denn ein stattlicher Sängerchor aus Hamburg oder Altona war angekommen und brachte seine Grüße und seine Huldigung. Und in dem Parke hallte es wider, und die Menge auf der Waldwiese, deren Zahl immer mehr anwuchs, stand und lauschte und harrte der Stunde entgegen, da es auch ihr vergönnt sein würde, den Gefeierten aus größerer Nähe begrüßen zu können.
Fast ward es zuviel für den beinahe Achtzigjährigen, und sein treuer ärztlicher Hüter, Dr. Schweninger, bat endlich für ihn um ein Stündchen Ruhe.
So ging der Apriltag hin und kündete dem alten Reichskanzler immer neu und beredt die Liebe eines ganzen Volkes, das nicht von ihm lassen konnte, und das immer wiederum alles dessen gedenken mußte, was Deutschland seinem Bismarck verdankte.
Nur ein bitterer Tropfen blieb in seiner Seele, eine Verstimmung, die wie ein Schatten zwischen ihm und dem jungen Kaiser lag. Er hatte das Empfinden, als hätte ihn derselbe nicht so, eben so ziehen lassen dürfen. Was galten ihm die äußeren Ehren, die ihm zum Abschied noch angetan worden waren, ein Herzenswort und eine Herzenstat hätten ihm weit schwerer gewogen.
Das deutsche Volk aber fühlte wie einen kältenden Hauch die Entfremdung zwischen dem Enkel des großen Kaisers Wilhelm und dem treuesten Paladin des letzteren, und hoffte in tiefster Seele, daß auch hier ein Frühlingstag kommen möge, der diesen Hauch hinwegfegen werde. Und des Volkes Hoffen sollte nicht betrogen werden.
Es lebt echtes, hochherziges Hohenzollernblut auch in Kaiser Wilhelm II., und so war er es, der dem Alt-Reichskanzler die Hand reichte zum freundlichen Bunde. Durch ganz Deutschland flog es wie ein warmer Lichtstrahl, als erzählt ward, wie der Herrscher dem Fürsten, der von einem heftigen Krankheitsanfall in einem süddeutschen Bade Genesung gesucht hatte, eines seiner Schlösser für die Zeit der Rekonvaleszenz zum Aufenthalt anbot, und wie er ihm manche Aufmerksamkeit erwies, wie nicht der Kaiser seinem Untertan, sondern der Freund dem Freunde sie zu erweisen bemüht ist, und noch erfreuter schlug des deutschen Volkes Herz, als die Kunde erscholl, daß Fürst Bismarck nach Berlin kommen und persönlich dem jungen Herrscher für sein huldvolles Entgegenkommen danken werde.
Am 26. Januar 1894 war es, als die erwartungsvolle Hauptstadt des Reiches der Ankunft des greisen Kanzlers entgegenharrte. Die Sonne war herrlich aufgegangen, als wolle sie ihn freundlich mitbegrüßen, und die Straßen vom Lehrter Bahnhofe nach dem Königlichen Schlosse waren durchwogt von freudig erregten Menschen. Die breite Straße Unter den Linden hatte reichen Flaggenschmuck angelegt, vom Zeughaus und dem Kommandogebäude wehten die Fahnen, und auf dem Königsschlosse prangte die gelbe Kaiser- und die rote Königsstandarte.