Immer dichter wurde das Menschengewühl, und lebhafter wurde die Bewegung, als im hellen Sonnenglanz eine Abteilung Garde-Kürassiere nach dem Bahnhofe ritt, um das Ehrengeleit für den Fürsten zu bilden.
Bald nach den glänzenden Reitern – es war um die Mittagszeit – fuhr ein offener kaiserlicher Wagen durch die Straße, umbraust von Hoch- und Hurrarufen: Des Kaisers Bruder, Prinz Heinrich, fuhr nach dem Lehrter Bahnhofe, um den Ankommenden im Namen des Herrschers zu begrüßen. Er dankte mit freudigem Gesichte dem jubelnden Volke und den an der Moltkebrücke in vollem Wichs aufgestellten studentischen Verbindungen.
Auf dem Lehrter Bahnhofe hatten sich eine größere Anzahl hochgestellter Persönlichkeiten und Freunde des Fürsten eingefunden. Kurz nach ein Uhr fuhr der Zug ein, und Prinz Heinrich trat auf den Salonwagen zu, an dessen Fenster sich bereits das markige Antlitz Bismarcks gezeigt hatte. Nun stieg dieser aus, und der Prinz bewillkommnete ihn auf das herzlichste und bot ihm seinen Arm.
Wohl hatte sich die Sonne wieder verhüllt, aber auch das trübere Licht vermochte dem ergreifenden Bilde nichts von seiner Wirkung zu nehmen. Auf den Arm des Kaisersohnes gestützt, schritt der greise Kanzler in seiner Kürassieruniform, langsam, aber aufrecht einher, das ehrwürdige Angesicht leuchtend vom Widerschein schöner freudiger Bewegung. Die Tausende aber, die vor dem Bahnhofe seiner harrten, brachen bei seinem Anblick in endlose Jubelrufe aus, die sich fortsetzten, wo immer der kaiserliche Galawagen mit seinen beiden Insassen auftauchte. Die Fenster des letzteren waren freilich wegen des kalten winterlichen Hauches und mit Rücksicht auf die Gesundheit des Fürsten geschlossen worden, aber sein freundliches Gesicht war doch sichtbar hinter den Scheiben und begeisterte das Volk, das in musterhafter Ordnung in fünf bis sechs Reihen dicht hintereinander stehend den Mittelweg Unter den Linden besetzt hielt vom Brandenburger Tor bis an die Brücke.
Da tauchten die alten Erinnerungen wieder auf an die glanzvollen Tage, welche Deutschland unter Kaiser Wilhelm I. und seinem Kanzler geschaut hatte, an den Siegeseinzug von 1866 und nach 1870, und sehnsuchtsvoller, dankbarer schlugen die Herzen dem herrlichen Manne entgegen, dessen Name mit jener gewaltigen Zeit auf ewig verbunden war.
An allen Fenstern drängten sich die Köpfe, ja, von den Kandelabern der Straßenlaternen herab schauten neugierig-mutwillige Knabengesichter, und die Schutzmannschaft nahm es heute nicht übel, wenn hier und da wohl auch einer auf einem Lindenast einen Sitz gefunden hatte.
Die Wachtparade war zur gewohnten Zeit, kurz vor ein Uhr, mit klingendem Spiele nach dem Schlosse gezogen, und ihre Musikklänge erhöhten die freudige Stimmung der Menge. Eine geraume Viertelstunde später blinkten vom Brandenburger Tor her die Helme der Garde-Kürassiere, und mit ihnen kam ein Brausen und Rufen, das sich von Mund zu Mund fortpflanzte, immer anwachsend und immer stürmischer. Eine Abteilung berittener Schutzleute jagte im stürmischen Ritt über den Reitweg, näher kamen die Kürassiere, und hinterher der kaiserliche Wagen.
Viel zu schnell für die Begeisterung der Menge, welche noch hinter ihm dreinklang, war er vorüber, und die Blicke folgten ihm nach, wie er seinen Weg verfolgte nach dem königlichen Schlosse zu.
Im Lustgarten standen die Bürgersteige gleichfalls voll dichtgedrängter Menschen, die alle nach der Residenz hinüberschauten, vor deren Eingang sich das bewegte Leben widerspiegelte, das heute in ihr herrschte. Hofequipagen rollten heran und hinweg, Offiziere und Hofbeamte eilten hin und her, herrlicher Blütenschmuck mitten im Winter war in reichster Fülle herbeigebracht, und alles machte den Eindruck, daß man einen lieben, hochzuehrenden Gast erwarte.
Die vom zweiten Garderegiment gestellte Ehrenkompagnie rückte mit klingendem Spiele an und nahm zwischen den beiden Portalen Aufstellung, und um die erste Mittagsstunde erschien der Kaiser. Er trug die Kürassieruniform, und, mit begeistertem Morgengruß von seinen Grenadieren empfangen, schritt er langsam deren Front entlang und trat dann durch das Schloßportal zurück.