Unter den schmetternden Klängen der Musik schritt der Fürst neben dem Prinzen Heinrich an der Front der präsentierenden Grenadiere hin, und nun war kein Halten mehr für die immer stürmischer vordrängende Flut des Volkes. Über den freien Platz vor dem Schlosse wogte sie heran, schnell und immer schneller, und bald war der Gefeierte umringt von den Tausenden, die nach seinen Händen, nach dem Saume seines Paletots faßten, um ihm ihre Liebe und Verehrung zu bezeigen.
Jetzt betrat er das Schloß, durchschritt in dem ersten der für ihn bestimmten Gastgemächer die Reihe des kaiserlichen Hauptquartiers – und im zweiten stand er Kaiser Wilhelm II. selbst gegenüber, Auge in Auge, Hand in Hand, und niemand war Zeuge dieser Begrüßung, deren Bedeutung aber nachempfunden wurde, soweit die deutsche Zunge klingt.
Schöner konnten die freundschaftlichen Beziehungen des Herrschers zu dem treuen Berater seines Hauses freilich kaum angedeutet werden, als bei der Frühstückstafel, welche im allerengsten Kreise eingenommen wurde. Zwischen dem Kaiser und der Kaiserin saß der Alt-Reichskanzler, und niemand störte die freundliche Weihe dieser Stunde.
Dann war Kaiser Wilhelm auch auf die Ruhe seines Gastes bedacht, der sich auf seinen Wunsch einige Zeit in seine Gemächer zurückzog. Aber nicht für lange, denn ein solcher Tag konnte nicht zur Rast bestimmt sein, und der Fürst zeigte, daß er trotz Alters und Unwohlseins noch immer »der eiserne« Kanzler war. Um 4 Uhr nachmittags, nachdem ihm schon vorher sein Amtsnachfolger General von Caprivi und sämtliche Staatssekretäre durch Abgabe ihrer Karten begrüßt hatten, fuhr er bei der Witwe Kaiser Friedrichs vor, um ihr seine Ehrerbietung zu beweisen, und nach 6 Uhr fand er sich an der kaiserlichen Tafel ein, an welcher außer dem kaiserlichen Paare auch König Albert von Sachsen und Graf Herbert Bismarck teilnahmen.
Aufs neue aber begann sich die Volksmenge Unter den Linden zusammenzuscharen, um den Fürsten auch bei seiner Abreise zu begrüßen. Heller Lichtglanz flutete aus den Fenstern »Unter den Linden«, als um 7 Uhr 10 Minuten die Gardereiter durch die breite, prächtige Straße ritten und hinter ihnen her der Galawagen rollte, in welchem diesmal Kaiser Wilhelm II. selbst seinem Gaste das Geleit gab.
Auch der Lehrter Bahnhof war von vollem Lichtglanz erhellt, dessen Schein die Gruppen der hohen Offiziere und des kaiserlichen Hauptquartiers beleuchtete, das in erwartungsvollem Schweigen auf dem Perron stand. Langsam schritt Bismarck zur Seite des Kaisers heran, nach dem Salonwagen. Noch einmal fügte sich Hand in Hand, und in sichtlicher Bewegung zog der junge Herrscher den greisen Recken näher heran zu sich und küßte ihn wiederholt auf die Wangen.
Nun bestieg Bismarck den Salonwagen; entblößten Hauptes stand er an dem Fenster und sah hinaus auf seinen Kaiser, der noch immer in huldvoller Weise redete.
Das letzte Glockensignal verklang – – in die weithin schallenden Hochrufe mischte sich der brausende Gesang:
Deutschland, Deutschland über Alles,
Über alles in der Welt!