Und den Nachhall dieses Liedes in gehobener Seele, fuhr der eiserne Kanzler wieder heimwärts nach seinem stillen Sachsenwalde. Der darauffolgende Besuch des Kaisers in Friedrichsruh besiegelte die Versöhnung. Der letzte Schatten war gewichen aus seiner Brust, der volle Friede eines großen, segensreichen, abgeschlossenen Wirkens erfüllte ihn und verklärte wie ein mildes Rot den Abend seiner Tage.


Er sollte seinen lieben, stillen Sachsenwald nicht mehr verlassen. Mit der gelassenen Ruhe des großen Mannes schaute er von seiner friedlichen Warte den Welthändeln zu, glücklich im Kreise der Seinen, und immer aufs neue erfreut durch die mannigfaltigen Kundgebungen der Liebe und Verehrung seines deutschen Volkes, die ihn auch in seinem weltfernen Asyl aufsuchten.

Da traf ihn der herbe Verlust seiner Gemahlin, die wie ein guter, treuer Kamerad mit ihm durch das Leben gegangen, und die ihm innig an das Herz gewachsen war. Seitdem sah ihn das Dasein mit immer trüberen Augen an, und seine eigene Gesundheit kam immer mehr ins Wanken. Und auch die treueste, hingebendste Liebe seiner Familie, die aufopfernde Pflege seines Leibarztes Dr. Schweninger konnten zuletzt das Unaufhaltsame nicht mehr aufhalten.

Es war der Sommer des Jahres 1898 gekommen und breitete seinen Schimmer über den grünen Sachsenwald. Aber im Herrenhause zu Friedrichsruh hegten liebende Herzen bange Besorgnisse. Der greise Fürst rang mit immer wiederkehrenden Beschwerden, und wenn seine starke Natur auch vorübergehend zu siegen schien, der heimtückische Gegner, mit dem er kämpfte, setzte sein furchtbares Werk fort und brachte es jählings zu Ende.

Am 28. Juli abends hatte der Fürst im Kreise der Seinen bei einem Glase Wein gesessen, die geliebte Pfeife geschmaucht und sich lebhaft und heiter wie in früheren Tagen unterhalten; am 30. vormittags las er seine Zeitungen, frühstückte in gewohnter Weise und klagte scherzend über den geringen Zusatz von Wein zu dem ihm gereichten Wasser. An dem Nachmittag desselben Tages brach er zusammen, und um die elfte Stunde der Nacht trat ihm schon der Tod an das große, treue Herz. Um ihn stand seine Familie, ihm zur Seite der treue Leibarzt, der die letzten Atembeschwerden ihm zu lindern bemüht gewesen, indes des Fürsten edle Tochter, die Gräfin Rantzau, ihm den Todesschweiß von der Stirn trocknete. Ihr galt des Sterbenden letztes Liebeswort: »Danke, mein Kind!«

Dann lag er wie ein Schlafender, mit mildem, friedlichem Antlitz, hoheitsvoll und edel. An seinen Sarg trat auch Kaiser Wilhelm II., der auf die Trauerkunde, die er auf einer Nordlandsreise in Bergen erhalten hatte, sogleich heimkehrte und am 2. August in Begleitung seiner erlauchten Gemahlin in Friedrichsruh eingetroffen war. Im Sterbezimmer fand die schlichte und doch so erhebende Trauerfeier statt. Das schwarz drapierte Gemach war erfüllt von betäubendem Blumenduft, der das ganze Schloß durchzog, und der schwarzpolierte Eichensarg verschwand unter riesigen Kränzen, von denen Wagenladungen aus allen Teilen Deutschlands nach dem stillen Friedrichsruh kamen. Am Fuße des Sarges aber lagerte der prachtvolle Kranz von Teerosen auf Lorbeerblättern und Eichenlaub, der auf einer weißseidenen Schleife die Anfangsbuchstaben des Kaiserpaares trug.

Der Kaiser hatte gewünscht, daß »sein großer Toter« im Dome zu Berlin beigesetzt werde, aber der eigene letzte Wunsch des Entschlafenen stand dem entgegen. In seinem stillen Sachsenwalde wollte Bismarck seinen letzten Schlaf schlafen in einem schmucklosen kleinen Hause, und die Grabschrift, die er sich selbst verfaßt, sollte lauten:

»Fürst von Bismarck, geboren am 1. April 1815, gestorben am ……, ein treuer, deutscher Diener Kaiser Wilhelms des Ersten.«

Im Sterbezimmer eingemauert blieb der Sarg mit den irdischen Resten des großen Kanzlers, bis das kleine Mausoleum auf dem Waldhügel gegenüber dem Parktor vollendet sein würde.