»Und das hat er wirklich getan?«
»Da sieht man wieder die Übertreibung,« lachte Otto von Bismarck – »wobei nicht einmal meine besondere Liebenswürdigkeit erwähnt wird. Daß der Göttinger Professor, der durch sein Verhalten gegen mich das Fensterattentat provoziert hatte, einige Töchter besaß, konnte ihn freilich vor meiner Rache nicht retten, aber ich kann zu meiner Entschuldigung sagen, daß ich die Scheiben nicht mit Steinen, sondern mit Kandiszucker eingeworfen habe, um den Mädchen wenigstens einigermaßen den Schrecken zu versüßen. Übrigens, bitte, stellt mir einmal einen dienstbaren Geist zur Verfügung! Ich habe einen Schuster in der Kronenstraße, welcher mir bis gestern ein Paar Stiefel liefern sollte, und mich, wie bereits in früheren Fällen, im Stiche ließ. Den Mann will ich Ordnung lehren. Seit heute früh sechs Uhr schicke ich ihm alle zehn Minuten einen Boten mit der Anfrage, ob meine Stiefel noch nicht fertig wären. Ich vermute, daß ich sie heute noch erhalte.«
Wenige Tage später saß der junge Auskultator im Berliner Stadtgericht und waltete seines Berufes mit Eifer und – je nachdem – auch mit Humor. Der Sommer verging und der Herbst, und der Winter brachte mit seinen geselligen Vergnügungen manche schöne Abwechslung in die Einförmigkeit seines Amtes. Von besonderem Interesse war dabei der erste Hofball, welchem er beiwohnte.
Seine äußere Erscheinung auf demselben war in jeder Weise vornehm und durch Gestalt und Haltung geradezu auffallend. Üppiges Haar umwallte das hochgetragene Haupt, und in dem geistvollen aristokratischen Gesichte blitzten frisch, lebhaft und durchdringend klar die Augen. Wie er so Arm in Arm mit seinem Kollegen, dem Auskultator von Scherk, dahinschritt, folgten alle Blicke den beiden prächtigen Gestalten, die der bekannte selige Preußenkönig sich für seine Potsdamer Riesengarde nicht gern hätte entgehen lassen. Auch dem Prinzen Wilhelm (dem nachmaligen Kaiser Wilhelm I.) fielen die beiden jungen Männer auf, und als sie ihm vorgestellt wurden, sagte er mit wohlgefälligem Lächeln:
»Nun, die Justiz legt wohl auch jetzt das Gardemaß an ihre Leute?«
»Königliche Hoheit,« erwiderte Bismarck, indem er klar und voll den Prinzen anblickte, »auch wir Juristen ziehen den Soldatenrock an, wenn es fürs Vaterland gilt!«
Am nächsten Morgen saß er, noch in Erinnerung an den vorigen Abend versunken, am grünen Tische des Stadtgerichts. Vor ihm stand ein biederer Berliner, der in einer Bagatellsache zu vernehmen war. Der Mann, welcher den kaustischen Humor, aber auch die Zungenfertigkeit des hauptstädtischen Proletariers besaß, glaubte, dem jungen Auskultator gegenüber sich noch mehr als üblich herausnehmen zu dürfen, und perorierte in nicht ganz ruhiger Weise. Bismarck, dem die Sache endlich zu arg ward, sprang mit seiner imponierenden Gestalt auf und rief: »Wenn Sie sich nicht mäßigen, werfe ich Sie hinaus!«
Der Mann war einigermaßen verdutzt über diesen unerwarteten Ausbruch, aber auf Bismarck selbst trat der anwesende Stadtgerichtsrat herzu und sagte, indem er ihm die Hand auf den Arm legte:
»Das Hinauswerfen ist meine Sache, Herr Auskultator!«
Bismarck nahm sein Gerichtsverfahren wieder auf, der Berliner aber, welcher nun Oberwasser erhalten zu haben meinte, wurde noch unangenehmer als zuvor, bis der Auskultator zum zweitenmal aufsprang und mit einem sehr bezeichnenden Seitenblick rief: »Herr, wenn Sie sich nicht mäßigen, lasse ich Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen!«