Das Stadtgericht wollte Bismarck überhaupt nicht länger behagen; er brauchte ein größeres Feld, einen weiteren Gesichtskreis, und so verließ er 1836 Berlin und begab sich als Hilfsarbeiter zur Königlichen Regierung nach Aachen, wo der Regierungspräsident Graf Arnim-Boytzenburg sich freundlich des jungen Referendars annahm und auch gesellig in seiner Familie mit ihm verkehrte.

Viertes Kapitel.
Am eigenen Herde.

König Friedrich Wilhelm III., der die Not und die herrliche Erhebung Preußens gesehen, war gestorben, und sein Sohn, Friedrich Wilhelm IV., hatte den Thron bestiegen. Das war im Jahre 1840, und in den Oktobertagen desselben fanden sich zahlreiche Vertreter des Volkes und des Adels zur Huldigungsfeier in der Hauptstadt ein. Die Sonne des 15. Oktobers war freundlich aufgegangen über dem Lustgarten, wo die tausendköpfige Menge sich um die reichgeschmückten Söller drängte, von welchen herab der neue Herrscher zu seinem Volke sprechen wollte.

Nun war er erschienen, ließ seine hellen Augen über die in Ehrfurcht schweigende Versammlung schweifen, und dann begann er in der ihm eigenen lebhaften und begeisternden Art zu sprechen. Und die Stimme klang so klar wie Glockenton hinein in die heftiger pochenden Herzen:

»Ritter, Bürger, Landleute und von den hier unzählig Gescharten alle, die meine Stimme vernehmen können, ich frage Sie, wollen Sie mit Geist und Herz, mit Wort und Tat und ganzem Streben, in der heiligen Treue der Deutschen, in der heiligeren Liebe der Christen mir helfen und beistehen, Preußen zu erhalten, wie es ist, wie es bleiben muß, wenn es nicht untergehen soll? Wollen Sie mir helfen und beistehen, die Eigenschaften immer herrlicher zu entfalten, durch welche Preußen mit seinen nur 14 Millionen den Großmächten der Erde beigesellt ist, nämlich Ehre, Treue, Streben nach Licht, Recht und Wahrheit, Vorwärtsschreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger Jugendkraft? Wollen Sie in diesem Streben mich nicht verlassen und versäumen, sondern treu mit mir ausharren durch gute und böse Tage? O, dann antworten Sie mir mit dem schönsten und klarsten Laut der Muttersprache, antworten Sie mir ein ehrenhaftes Ja!«

Und mit überwältigender Macht brauste das Wort durch die bewegten Lüfte, unten aber in der dichtgedrängten Menschenmenge faßte ein junger, stattlicher Mann die Hand des neben ihm Stehenden mit warmem Drucke und sagte:

»Das soll gelten, Bernd, für alle Zeiten!«

»Helf uns Gott, Otto!« erwiderte der andere; der alte, stattliche Herr aber, welcher bei den beiden stand, wischte sich einmal mit der Hand über die Augen.

Die Menge wogte auseinander. Die drei jedoch schritten langsam hindurch, der alte Herr in der Mitte, der nun sagte:

»Das war seit langem wieder eine schöne, erhebende Stunde, die wir alle nicht vergessen wollen. Schade, daß wir der Mutter nicht mehr davon erzählen können.«