Ein Fläschchen um das andere wurde vor den Augen des erstaunten Reisenden leer, und Bismarck begehrte immer mehr Proben, bis dem anderen der Vorrat ausging. Das war in einem kleinen Stündchen abgetan, und nun ging’s wieder zu Roß weiter auf der Stargarder Straße, und abends traf der wilde Reiter in Kollin ein und überraschte die heitere Gesellschaft. Nun gab es ein fröhlich Zechen, schallendes Gelächter bei manchem lustigen Schwank, und dem Besucher, der aus der Einsamkeit seines Kniephof kam, erfrischte es Herz und Mut, sich wieder einmal in genialer Burschenlust gehen zu lassen.

Er lud seine Freunde ein, ihn auf seinem Schlößlein zu besuchen, und sie blieben nicht aus. Der alte Kniephof sah nun manche übermütige Stunde. In die Nacht hinaus klangen lärmende Zecherlieder, und oben ging das Trinkhorn in die Runde, und aus den großen Pokalen trank man Porter und Champagner durcheinander. Dann raste es mitunter nächtlicherweile wie die wilde Jagd durch den schweigenden Park, krachende Schüsse weckten die Ruhe der Schläfer, von abenteuerlichen Streichen, von wunderlichen Wetten gingen die seltsamsten Geschichten in der Runde, und bald hieß es: »der tolle Bismarck ist auf Kniephof wieder lebendig geworden!«

Manch einer kam, angezogen durch dieses Treiben; er fand ein gastliches Haus, einen gefüllten Becher, einen jovialen Wirt, – aber es geschah, daß dieser mitten in der übermütig lärmenden Unterhaltung ein Wort aufgriff, an das er ernste und geistvolle Erörterungen knüpfte, wie sie aus historischen Reminiszenzen und aus seinem eigenen, für die Ehre des Vaterlandes begeisterten Herzen kamen. Dann horchte die verwunderte Tafelrunde hoch auf, und manch einem kam ein Ahnen, daß in dem jungen Gutsherrn mehr stecke, als zur Verwaltung von Kniephof gehöre.

Das Herz hatte er auf dem rechten Flecke, und das hat er, wo es galt, bewiesen. Im Sommer 1842 war er als Landwehroffizier in Lippehne. Der schneidige Ulanenleutnant war auch hier einem kecken, lustigen Streiche nicht abgeneigt, so wenig wie den Freuden des Bechers. Eines Nachmittags kam er mit einigen Kameraden an den Wendelsee. Er wollte mit seinen Begleitern über die Brücke gehen, die über denselben führt, da er aber merkte, daß eben sein Reitknecht ankam, um in dem Wasser sein Pferd zu schwemmen, blieb er stehen. Der Bursche ritt zwischen der Brücke und der Gotthardtschen Gerberei in den See. Ob nun die Anwesenheit der Offiziere ihn verwirrte, oder ob das Pferd den Grund verlor, – genug, er zog die Zügel zu straff an, das Tier wurde unruhig, bäumte sich, und der Reiter flog herab und verschwand auch sogleich in den Wellen.

Bismarck überlegte in diesem Augenblicke nicht; er warf Mütze und Säbel fort und sprang, wie er war, in Uniform, über das etwa 15 Fuß hohe Brückengeländer kopfüber in den See. Mit starker Hand faßte er den Burschen, der halb bewußtlos ihn so umklammerte, daß er selbst in freier Bewegung gehindert war. Da riß er denselben mit sich nieder zum Grunde, um ihn bewußtlos zu machen. Es waren bange Augenblicke für die, welche auf der Brücke standen. Blasen stiegen aus dem Wasser … aber die beiden Menschen kamen nicht empor. Endlich tauchte das Haupt Bismarcks auf. Er hatte mit fester Hand den Burschen gepackt, ihn auf den Rücken geworfen, und zog nun schwimmend ihn hinter sich her, bis er Grund fand. Nun schleppte er den Bewußtlosen auf seinen Armen an das Ufer, wo er freudig begrüßt wurde.

Eine gewaltige Erregung ging durch die ganze kleine Stadt, und als Bismarck, der sich in der Nähe umgekleidet, nach derselben zurückkehrte, kam ihm eine Schar von Bürgern mit dem Oberpfarrer Stöhr in seiner Amtstracht an der Spitze entgegen, um ihn zu begrüßen und zu beglückwünschen.

Bald darauf erhielt er vom König die Rettungsmedaille, welche er jederzeit mit Stolz getragen hat.

Der flotte Offizier ging wieder nach Kniephof zurück. Es kam ihm doppelt still vor, und manchmal war’s ihm, als dränge es ihn hinaus in die Welt, – der gärende Most wollte noch nicht zur Klärung kommen. Das Wort, das seine herrliche Mutter einst gesprochen: »Bernhard soll Landrat, Otto Diplomat werden!« kam ihm immer wieder in den Sinn. Der erste Teil war zur Wahrheit geworden, sein Bruder saß als Landrat in Naugard, und der Ausspruch der Mutter erschien ihm bezüglich seiner selbst wie eine vorwurfsvolle Mahnung.

So kam es, daß er einen neuen Anlauf nahm und wieder bei der Potsdamer Regierung als Referendar eintrat. Ein rechtes Behagen fand er aber bei alledem nicht, zumal sein Vorgesetzter, der Regierungspräsident, ihn in beinahe geringschätziger Weise behandelte. Da kam ihm der alte Bismarcktrotz, und es brauchte nicht viel, um den Becher des Unmuts bei ihm überschießen zu lassen.

Eines Tages erhielt er von seinem Bruder das Ersuchen, ihn auf einige Zeit zu vertreten. Er begab sich zu seinem Vorgesetzten, um sich einen Urlaub zu erbitten. Als er eintrat, stand dieser am Fenster, kehrte ihm den Rücken zu und trommelte auf der Scheibe. Bismarck stand einige Augenblicke ruhig, dann schritt er an ein anderes Fenster und begann nun seinerseits erst leise, dann immer vernehmbarer und lustiger einen Marsch mit den Fingerspitzen zu exekutieren.