Das konnte man an einem Frühlingstage des Jahres 1849 auch in der märkischen Stadt Rathenow sehen. In den Gassen war eine außergewöhnliche Bewegung, mehr noch aber war dies der Fall in einem der bekanntesten Gasthäuser des Ortes, in dessen Saale Otto von Bismarck in einer von den Königstreuen einberufenen Versammlung seine Kandidatenrede halten wollte.
In der Gaststube im Erdgeschoß platzten die Geister bereits lebhaft aufeinander.
»Er ist ein Junker, ein Streber, und einen solchen können wir nicht in der Kammer brauchen!« rief ein Mann im Schurzfell, und ein anderer erwiderte:
»Aber er weiß, was er will, und das wißt ihr Demokraten allesamt nicht! Und er ist ein charakterfester Mann, und solche Leute brauchen wir heutzutage.«
»Ach was, er schreibt Briefe an den König und läßt sich von ihm einladen, sperenzelt um ihn herum in Berlin und Sanssouci.«
»Schämt Euch, Krämer« – schrie jetzt der Schornsteinfegermeister Wolf – »daß Ihr die Tatsachen so entstellt. Ihr wißt so gut wie wir, was es mit alledem für eine Bewandtnis hat. Den Brief hat er geschrieben, wie in Berlin alles aus Rand und Band war, und wie die Umstürzler unseren König so schwer beschimpft haben, und er hat darin nichts anderes gesagt, als was jeder ehrliche, brave Preuße damals gesagt hat. Daß das dem hohen Herrn wohltat und daß er nicht nur den Brief wochenlang auf seinem Schreibtische liegen ließ, sondern auch den Schreiber zu sich rief und um seinen Rat anging, ist doch nichts, was dem Herrn von Bismarck zum Vorwurf gereichen kann.«
»Na, er hat in solchen Unterhaltungen wohl nicht fürs Volk geredet, sondern sein Schäflein geschoren!« rief es wieder von einer Seite, und unter Beifallsgebrüll nahm ein junger Mensch das Wort, ein herumziehender Agitator, von dem eigentlich niemand wußte, wer und was er war:
»Wie gut es euer Bismarck mit dem Volke meint, hat er selber klar ausgesprochen. Alle großen Städte müßten vom Erdboden vertilgt werden, das ist sein Wort, und warum: Weil dort allein das Volk stark genug ist, seinen Willen durchzusetzen und seine Freiheit zu erzwingen, wie’s in Berlin geschehen ist. Und was er dem König für Ratschläge gegeben hat, das wissen wir ganz genau. Friedrich Wilhelm IV. war immer zu Nachgiebigkeit geneigt, aber Bismarck war wie der Böse dahinterher und suchte ihn zu reizen, durch Gewalt und mit Blut die heilige Erhebung des Volkes niederzuschlagen. In Potsdam hat er das sogar in so entschiedener Weise getan, daß die Königin hinzutretend gesagt haben soll: »Wie können Sie in solchen Ausdrücken mit Ihrem König reden?« – Das ist euer Bismarck, dem nichts hart genug ist, wenn dem Volke das Fell über die Ohren gezogen werden soll, und der unsere neue Freiheit in unserem Blute ersticken will. Fort mit Bismarck!«
Und »Fort mit Bismarck!« scholl es jetzt vielstimmig, nur der Schornsteinfeger ließ sich nicht einschüchtern:
»Das ist leeres Geschwätz von einem hergelaufenen Manne. Freiheit von eurer Sorte wünschen wir gar nicht, und uns ist Herr von Bismarck gerade so recht, wie er ist. Dem wühlenden Demagogentum, das den ehrlichen Bürgerstand beunruhigt und ruiniert, müssen die Zähne gezeigt werden. Wir wollen auch Freiheit, aber ohne den Umsturz von alledem, was uns von unseren Altvorderen heilig gewesen ist.«