Schreien und Johlen unterbrach den Sprecher, um den sich seine Parteigenossen drängten, denn die Gemüter wurden immer erhitzter, der aber rief mit lauter Stimme:

»Das ist wohl eure Freiheit, daß ihr jeden niederbrüllt, der eine andere Meinung hat als ihr? – Gerade so haben sie’s dem Herrn von Bismarck gemacht, als er 1847 seine Jungfernrede im Landtage hielt. Aber er hatte gezeigt, daß er Mut und Kaltblütigkeit hat. Er las, während sie lärmten, seine Zeitung, und als sie aufhörten, nahm er sein Wort wieder auf. Das hat mir gefallen, und darum bleibt er mein Mann!«

Der brave Meister war in dem Lärm und Getöse wenig verständlich mehr gewesen, nun trank er ruhig seinen Schoppen aus, und forderte seine Parteigenossen auf, mit ihm zu gehen. Unter dem lauten Geschrei und Hohngelächter der Gegner gingen die Männer hinaus und nach dem Saale, welcher schon völlig angefüllt war mit Menschen, die den königstreuen Kandidaten sehen und hören wollten.

Otto von Bismarck war eben eingetroffen. Die im Erdgeschoß hatten ihn in ihrer Erregung nicht kommen sehen, zumal er nicht, wie man erwartet hatte, im Wagen vorfuhr. Er stand bereits auf der Tribüne, als der Schornsteinfegermeister mit seinen Gefährten eintrat. Die kraftvolle Gestalt war hoch aufgerichtet, aus dem vom Vollbart umrahmten frischen und energischen Antlitz blitzten hell und falkenklar die Augen, und die Stimme klang hell, vernehmlich, ja mitunter scharf.

Er verurteilte rückhaltlos die Vorgänge, welche in der revolutionären Bewegung in Berlin zur Demütigung des Königtums geführt hatten, und entwickelte seinen Standpunkt, wie er ihn wiederholt furchtlos und entschieden im Abgeordnetenhause betont hatte:

»Der Prinzipienstreit, welcher in diesem Jahre Europa in seinen Grundfesten erschüttert hat, ist ein solcher, der sich nicht vermitteln läßt. Die Prinzipien beruhen auf entgegengesetzten Grundlagen, die von Haus aus einander ausschließen. Das eine zieht seine Rechtsquelle angeblich aus dem Volkswillen, in Wahrheit aber aus dem Faustrecht der Barrikaden. Das andere gründet sich auf eine von Gott eingesetzte Obrigkeit, auf eine Obrigkeit von Gottes Gnaden, und führt seine Entwicklung in der organischen Anknüpfung an den verfassungsmäßig bestehenden Rechtszustand. Dem einen dieser Prinzipien sind Aufrührer jeder Art heldenmütige Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, dem anderen sind sie Rebellen. Über diese Prinzipien wird nicht durch parlamentarische Debatten eine Entscheidung erfolgen können; über kurz oder lang muß der Gott, der die Schlachten lenkt, die eisernen Würfel der Entscheidung darüber werfen. Ich aber werde leben und sterben für den Grundsatz der Treue zu König und Vaterland, und muß es nun Ihnen überlassen, ob Sie mich für den rechten Mann halten, Ihre Anschauungen zu vertreten.«

Im Saale klang lauter Beifall, der bis auf die Gasse hinausdrang. Dort aber fand er keinen Widerhall. Der junge demokratische Agitator hatte in der Wirtsstube auch das Eisen in seinem Sinne geschmiedet, und die Bewegung war bis auf die Straße hinaus gedrungen. Der Schornsteinfegermeister Wolf, der nahe an dem Fenster des Saales stand, blickte hinunter und sah die vielköpfige erregte Menge, die mit heißen Gesichtern, glühenden Augen und geballten Fäusten sich hier drängte.

Da aber jetzt Bismarck den Saal verlassen wollte, suchte der wackere Mann eilig zu ihm heranzukommen und sagte:

»Herr von Bismarck, gehen Sie jetzt nicht hinaus, sie wollen Ihnen an den Leib.«

Der Angeredete hob seine mächtige Gestalt höher, ein beinahe spöttisches Lächeln umflog den Mund, und die Augen schauten furchtlos und ruhig drein, als er erwiderte: