»Ach, glauben Sie doch den Bläffern nicht!«
Ohne weiter sich aufzuhalten, trat er auf den Vorsaal und ging die Treppe hinab. Im Hausflur bereits stand eine johlende Menge. Geschrei, Zischen, niedrige Schimpfworte flogen ihm entgegen, und einige geballte Fäuste hoben sich wider ihn.
»Rebellen hat er uns genannt – totschießen will er uns lassen – fort mit dem Junkerregiment!« so schrie es ihm auch von der Gasse entgegen, aber mit festem Blick schaute er über die Menge hin, und während Meister Wolf und der Stadtschreiber Noack ihn in die Mitte nahmen, schritt er hochaufgerichtet, mit ruhiger Sicherheit durch das Volk, das ihm eine Gasse machte und dem kühnen Recken nicht den Weg zu verlegen wagte.
So kam er nach dem Gasthause, wo sein Wagen stand. Die aufgeregten und von dem unreifen Hetzer aufgereizten Leute waren ihm auch bis hierher gefolgt und schienen seine Abfahrt hindern zu wollen. Die Lage war äußerst unbehaglich, und als er aus dem Hause trat, gelang es ihm nur mit Mühe, an das Gefährt heranzukommen und dasselbe zu besteigen.
Wilder und ungestümer aber brach jetzt das Geschrei und Pfeifen los, und aus der gedrängten Schar sausten Steine nach dem kühnen Manne. Einer derselben traf wuchtig seinen linken Arm und fiel in den Wagen. Einen Augenblick übermannte ihn jetzt Zorn und Schmerz: er ergriff den Stein und sprang von seinem Sitz empor mit flammenden Augen, und wie er so den Arm erhob zum Wurfe, da drängte das feige Gesindel zurück vor der imponierenden Erscheinung. Das gab ihm seine Ruhe wieder. Es schien ihm unwürdig, hier Gleiches mit Gleichem zu vergelten, mit einer verächtlichen Gebärde warf er seinen Angreifern den Stein vor die Füße, legte sich in den Sitz zurück, rief dem Kutscher zu: »Vorwärts!« und gleich darauf zogen die bereits unruhigen Tiere an, und durch die zu beiden Seiten zurückweichende Menge fuhr der Wagen rasch dahin durch die Gasse.
Die Rathenower wählten aber doch Bismarck wiederum zu ihrem Abgeordneten, und so reiste er, nachdem er zuvor in seiner freundlichen Häuslichkeit zu Schönhausen gewesen, neuerdings nach Berlin, um den übernommenen Pflichten zu genügen.
Im Eisenbahnkupee saß er mit einem alten Herrn, einem ehemaligen Offizier, beisammen und unterhielt sich mit diesem über die politische Lage. Da stieg in einer Zwischenstation ein junges Herrchen ein, der sein Gepäck – allem Anschein nach einen Musterkoffer – ziemlich herausfordernd auf den Sitz legte, sich dann in eine Ecke lehnte und nun mit überlegen spöttischem Blicke die beiden Herren betrachtete, welche sich in ihrem ruhigen Gespräche nicht stören ließen.
Der alte Offizier hatte eben sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß bei den Berliner Straßenunruhen der König das Militär zurückgezogen und sich in die Hand des Volkes gegeben hatte, da warf der junge Mann eine höhnische Bemerkung dazwischen:
»Ja, die Volkssouveränität paßt manchem nicht in den Kram, glaub’s wohl, aber gottlob, mit Säbelrasseln und feudalen Phrasen wird die neue Zeit nicht aufgehalten. Es geht ein scharfer Wind für die Junker, und er wird manche alten Vorrechte wegblasen. Ja, Freiheit und Gleichheit! Freiheit und Gleichheit!«
Bismarck sah den Menschen mit einem durchdringenden Blicke an, ohne ihn eines Wortes zu würdigen, jener aber perorierte, unbekümmert um die beiden anderen, in seiner geschwätzigen Art weiter. Seine Ansichten waren so unreif, daß der alte Offizier, obwohl gerade er sich vielfach hätte verletzt fühlen dürfen, es doch nicht der Mühe wert hielt, mit dem kecken Angreifer anzubinden, der dadurch nur immer mehr ermutigt zu werden schien. Bismarck aber hatte ihn immer wieder einmal mit seinen scharfen Augen gemessen und dann sein Gespräch mit seinem Gegenüber fortgesetzt, als ob der vorlaute Musterreiter Luft wäre.