Nun hielt der Zug auf dem Bahnhofe in Berlin. Der Reisende war ausgestiegen, und nachdem Bismarck sich rasch von dem Offizier verabschiedet, verließ auch er das Kupee. Mit einigen weitausgreifenden Schritten stand er vor dem jungen Manne, seine mächtige Gestalt hoch aufrichtend und die blitzenden Augen ihm in das Gesicht bohrend, so daß derselbe beinahe scheu zurückwich. Wiederum machte Bismarck einen Schritt auf ihn zu, mit seinen mächtigen Blicken ihn bannend, so daß der andere abermals zurücktrat. Der unerbittliche Verfolger aber heftete sich an seinen Fuß und drängte ihn so vor sich her, bis der geängstigte Reisende beinahe an die Wand gedrückt war.

»Wie heißen Sie denn?« fragte der Verfolger kalt und fest, und der andere stotterte in Befangenheit und Ängstlichkeit:

»Ich – ich heiße Nelke!«

»Dann hüten Sie sich, Sie Nelke, wenn Sie nicht von mir gepflückt werden wollen!«

Noch einmal sah Bismarck dem zerknirschten Schwätzer in das blasse Gesicht, dann wendete er sich langsam ab und schritt ruhig den Perron entlang.

Berlin selbst wollte ihm jetzt gar nicht gefallen. Die neue Zeit rumorte hier zu sehr in allen Köpfen, und ihre Zeichen machten sich auf Schritt und Tritt bemerkbar. Selbst der Drang nach einer nationalen Einheit, welcher die besten deutschen Herzen erfüllte, hatte für Bismarck etwas beinahe Unheimliches, weil daneben auch jener unklare Freiheitsdrang sich breitmachte, der am liebsten Thron und Krone hinweggefegt hätte und aus Deutschland eine Republik machen wollte.

Diese Bestrebungen traten deutlich genug hervor bei der seit dem 18. Mai 1848 in Frankfurt a. M. tagenden deutschen Nationalversammlung, welcher Männer aus ganz Deutschland angehörten, welche den Bundestag beseitigte, einen Reichsverweser in der Person des Erzherzogs Johann von Österreich wählte und nun die »Grundrechte des deutschen Volkes« und eine »Verfassung für Gesamtdeutschland« beriet. Da platzten die Geister oft stürmisch aufeinander, und selbst die vielen vortrefflichen Männer, die, erfüllt von wahrer Begeisterung für das Wohl des deutschen Volkes, ihre beste Kraft und Überzeugung einsetzten, konnten nicht immer den revolutionären Demokraten, welchen die Freiheit über die Einheit ging, einen Damm setzen, und es kam in Frankfurt selbst unter den Augen der Nationalversammlung zu den rohesten Ausschreitungen des fanatischen Pöbels.

Endlich war man aber doch einig geworden, daß fortan ein erblicher Kaiser an der Spitze Deutschlands stehen solle, und als solcher war am 28. März 1849 mit geringer Stimmenmehrheit König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gewählt worden.

Der zweite April fand Berlin in einer ganz besonderen Erregung. Die Abgesandten der Frankfurter Nationalversammlung trafen ein, um dem König die Kaiserkrone anzubieten. In den Straßen war ein fröhliches Wogen und Treiben, die hochgehende Begeisterung jauchzte den einziehenden Abgeordneten zu, und der Traum der deutschen Einheit schien sich verwirklichen zu sollen.

Um so größer war die Enttäuschung, als schon am nächsten Tage die Nachricht von Mund zu Munde ging, der König habe die Deputation im Rittersaale des Schlosses feierlich empfangen, aber sich nicht entschließen können, die ihm gebotene Krone aus den Händen des Volkes anzunehmen.