Wie ein Mehltau fiel es auf die Hoffnungen und Erwartungen der Besten, und als die Kunde nach Frankfurt kam, wirkte sie hier so niederdrückend auf alle Gutgesinnten, daß die radikalen Stürmer und Dränger wieder die Oberhand gewannen und infolgedessen da und dort wieder revolutionäre Erhebungen stattfanden, und daß sich endlich das Parlament auflöste, beziehentlich der nach Württemberg übergesiedelte Rest desselben, das sogenannte »Rumpfparlament«, gewaltsam aufgelöst wurde.

In Berlin gingen nach der Ablehnung der Kaiserkrone die Wogen der Bewegung noch immer hoch, und der Landtag beriet am 20. April über die Frankfurter Reichsverfassung und über Schritte, um den König noch nachträglich zur Annahme der Kaiserwürde zu bewegen.

Bismarck gehörte zu jenen, welche sich nicht überzeugen konnten, daß auf den damaligen Grundlagen eine wirkliche Einigung Deutschlands erreicht werden könne, und daß die Eifersucht Österreichs und anderer deutscher Staaten an der leitenden Stellung Preußens fortwährend rütteln würde, so daß es ihm richtiger schien, daß dieses für sich selbst auf starke Füße gestellt werde und nicht seine Kraft unfruchtbaren Bestrebungen opfere.

So trat er auch im Abgeordnetenhause unerschrocken für diese Überzeugung ein. Am 20. April stand er auf der Tribüne und erklärte:

»Ich habe als Abgeordneter die Ehre, die Kur- und Hauptstadt Brandenburg zu vertreten, welche dieser Provinz, der Grundlage und Wiege der preußischen Monarchie, den Namen gegeben hat, und ich fühle mich deshalb um so stärker verpflichtet, mich der Diskussion eines Antrages zu widersetzen, welcher darauf ausgeht, das Staatsgebäude, welches Jahrhunderte des Ruhmes und der Vaterlandsliebe errichtet haben, welches von Grund aus mit dem Blute unserer Väter gestiftet ist, zu untergraben und einstürzen zu lassen. Die Frankfurter Krone mag sehr glänzend sein, aber das Gold, welches dem Glanze Wahrheit verleiht, soll erst durch das Einschmelzen der preußischen Krone gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß mit der Form dieser Verfassung gelingen werde.«

Noch energischer äußerte er sich in diesem Sinne am sechsten September. Inzwischen hatte aber Preußen einen anderen Einigungsversuch gemacht und mit Sachsen und Hannover das »Dreikönigbündnis« geschlossen, dem sich eine Anzahl anderer deutschen Staaten anschloß. Aber Österreichs Einfluß wußte die beiden Königreiche wieder von Preußen zu trennen, welches nun mit den übriggebliebenen Bundesstaaten die sogenannte »Union« bildete und, um derselben eine einheitliche Verfassung zu geben, ein Parlament nach Erfurt einzuberufen beschloß.

In dieser Zeit saß Bismarck eines Abends in seiner Wohnung, Dorotheenstraße 37, mit einigen politischen Freunden beisammen. Das Heim war schlicht, aber gemütlich; die Lampe warf ihren milden Schein über den breiten Tisch und auf die geistvollen Gesichter, um die behaglicher, blauer Tabaksdampf sich wölkte, und in den Gläsern schäumte der braune Gerstensaft. Der Hausherr saugte an »dem geliebten Rohre«, aber dazwischen wetterleuchtete es aus seinen Augen, und seine Hand legte sich manchmal geballt auf den Tisch, da er sagte:

»Laßt sie doch uns »Stockpreußen« schelten, ’s ist kein schlechter Titel, und ich kann nur wiederholen, was ich in der Kammer gesagt habe: Das Stockpreußentum, wie es vor allem in der Armee vorhanden ist, ist unsere Stütze. Und so gut unsere Soldaten unter der schwarzweißen Fahne bisher sich ehrenhaft geschlagen und wohlbefunden haben, so gelüstet es weder sie noch uns, für das erprobte alte Banner ein neues dreifarbiges einzutauschen, dessen Dauerhaftigkeit unter den jetzigen Verhältnissen sehr zu bezweifeln ist. Wir wollen einmal dem preußischen Adler nicht die Flügel stutzen lassen durch die gleichmachende Heckenschere aus Frankfurt.«

»Und was versprichst du dir eigentlich von der Union?« fragte einer der Gäste.

»So gut wie nichts, sie wird an der Eifersucht Österreichs, dem wir zunächst noch nicht die Zähne zu zeigen uns getrauen, zugrunde gehen. Das Erfurter Parlament verläuft im Sande, verlaßt euch darauf!«