Ein andauerndes Unwohlsein des Töchterchens machte einen Aufenthalt an der See notwendig, und so ungern Bismarck sich aus dem Behagen seines Landsitzes herausriß, der Rat des Arztes, das zärtliche Drängen seiner Gemahlin bewogen ihn zuletzt doch, auf einige Wochen nach Stolpmünde zu gehen.
Dann kamen wieder der Berliner Ärger und die Kammerverhandlungen den Winter durch bis hinein in das Jahr 1851.
Um die Osterzeit desselben brach er aber auf aus der Residenz, um auf einige Wochen zu seinen Schwiegereltern zu gehen nach Reinfeld in Pommern. Die behagliche stille Häuslichkeit hier tat ihm wohl. Herr von Puttkamer mit dem Samtkäppchen auf dem greisen Haupte waltete hier wie ein guter Patriarch in Ehrbarkeit und Frömmigkeit, und von ihm und seiner trefflichen Frau ging es wie ein stiller Segen aus durch das ganze Haus. Das war ein Ort, so recht zu kurzdauernder Erholung, aber Bismarck sollte auch hier nicht finden, was er suchte.
Eines Tages saß er mit seinem Schwiegervater beisammen und sprach von der Wirtschaft und den Pferden und Hunden, als die Post gebracht wurde. Ein Schreiben mit dem Siegel des Ministerpräsidenten von Manteuffel fiel ihm in die Hand, und er betrachtete es einige Sekunden mit beinahe bedenklichen Blicken. Dann öffnete er es, las flüchtig, lehnte sich mit einem tiefen Atemzuge in seinen Sitz, und seine Hand mit dem Briefe sank schwer auf den Tisch.
»Nach Frankfurt soll ich zum Bundestage als preußischer Gesandter, – der Minister fragt, ob ich will.«
Herr von Puttkamer neigte sich in Erregung gegen ihn vor.
»Ja, besorgt das nicht der General von Rochow? Was bedeutet das?«
»Rochow soll, wie ich schon früher munkeln hörte, als Gesandter nach Petersburg zurückgehen. – Aber das kommt mir so unerwartet, daß mir’s doch ein wenig in die Glieder schlägt. Das ist weder ein besonders angenehmer, noch besonders leichter Posten.«
»Nein, gewiß nicht,« sagte der alte Herr, »da wird einer gebraucht, der diplomatisches Geschick und Festigkeit zugleich hat, um mit den Beziehungen zwischen Österreich und Preußen fertig zu werden, ohne daß auf der einen Seite gereizt, auf der anderen etwas vergeben wird. Der Antrag will recht wohl erwogen sein!«
»Klar genug sehe ich die Verhältnisse,« sprach Bismarck lebhaft, – »Österreich hat es darauf abgesehen, Preußen kleinzukriegen und womöglich wegzuwischen aus der Reihe der maßgebenden Mächte. Da heißt’s die Augen offen und den Nacken steif halten. Die Sache wird mir verlockend. Wenn mein König dafür hält, daß ich für den Posten brauchbar bin, werde ich ihm meine schwache Kraft nicht versagen.«