»Wovon träumen Sie denn, wenn’s erlaubt ist zu fragen?«
Damit setzte sich Bismarck neben den Engländer, und dieser erwiderte lächelnd:
»Ich habe die Vergangenheit ein wenig Revue passieren lassen. Da tauchten mir die Göttinger Tage wieder auf, die wir zusammen verlebten, und ich sah Sie wieder als den flotten Burschen, der in der Kneipe und auf dem Paukboden mehr zu finden war als in den Kollegien, und dann dachte ich wieder an unsere Berliner Zeit, an die Stunden, da Kaiserlingk uns Beethovensche Sonaten spielte, und nun finde ich Sie in glücklichster Häuslichkeit und zugleich als hervorragenden Diplomaten. Verwunderlich ist mir’s just nicht, denn daß Sie aus dem Holze geschnitzt sind, aus welchem man Männer macht, die schlechthin alles fertigbringen, was sie wollen, ist mir schon in früherer Zeit klargeworden, und Frankfurt ist wohl auch der Boden, wo Sie Gelegenheit haben, Kräfte zu zeigen.«
»Sauer gemacht wird einem mitunter das Leben, aber unterkriegen sollen sie mich nicht so leicht. Sie wissen ja, wie die Dinge liegen. Österreich spielt hier die erste Geige, und die anderen hören in stummer Bewunderung zu und klatschen Beifall. Das ist nun meine Sache nicht, besonders wenn meine eigene Fiedel auf einen anderen Ton, auf den preußischen, gestimmt ist. Sie glauben gar nicht, welche Demütigungen man mitunter Preußen zumutet, oft bis ins Kleinliche hinein. Aber ich werde dem einen Damm stecken.«
»Woran liegt das aber?«
Bismarck zuckte die Achseln.
»Von Wien weht keine gute Luft her. Der Minister Schwarzenberg hat rundheraus erklärt, daß er Preußen erst erniedrigen und dann vernichten will. Und der Bundestagspräsident, Graf Thun, im ganzen ein recht genießbarer Herr, muß diesen völkerfreundlichen Absichten Rechenschaft tragen. Da lobe ich mir noch den alten Fürsten Metternich, den ehemaligen berühmten österreichischen Staatslenker, welchen ich jüngst auf seinem Schloß Johannisberg am Rhein besuchte, der war doch nicht gar so preußenfeindlich.«
»Von diesem Besuche habe ich gehört, und der alte Herr, dem sonst nicht jeder paßt, soll ganz entzückt von Ihnen gewesen sein.«
»Ja, das ist einfach zu erklären: Ich habe seine Geschichten ruhig angehört und nur manchmal die Glocke angezogen, daß sie weiterklang. Das hat dem redseligen alten Herrn gefallen. Na, ich denke auch Schwarzenberg mit der Zeit noch einige Achtung abzunötigen. Den Anfang habe ich schon mit dem und jenem gemacht. Da hatte Österreich einen Ausschuß – natürlich ohne Zuziehung Preußens – eingesetzt, der über die Sitzungsprotokolle und deren eventuelle Veröffentlichung beraten sollte. Freilich wäre Preußen bei den Publikationen schlecht weggekommen. Da bin ich den Herren in die Parade gefahren, und die Sache ist seitdem unterblieben. Und solche Geschichten könnte ich Ihnen noch manche erzählen; aber nun kommen Sie, meine Frau wird mit dem Frühstück warten, und nach demselben müssen Sie mich entschuldigen: Ich habe eine Sitzung im Militärausschuß!«
Er faßte den Freund unter dem Arm und führte ihn nach dem Hause, wo Frau Johanna anmutig und freundlich wie ein Frühlingsmorgen die Herren begrüßte, und wo Bismarck erst noch einmal nach seinen Kindern sah und sie fröhlich in die Luft hob, ehe er sich zu Tische setzte. Hier war er ganz glücklicher Gatte und Vater, ganz von fröhlichem Humor übersprudelnder Gastfreund.