Ernster sah er drein, als er nicht lange danach an dem grünen Tische saß im Parterre des Taxisschen Palais. Auch hier winkten die grünen Bäume herein zu den Fenstern, aber in dem Raume herrschte eine etwas dumpfe Luft, und der Verkehr der anwesenden Herren war ziemlich gemessen und formell.
Sie saßen in ihren Sesseln, genau nach der Rangordnung, die Vertreter der fünf deutschen Königreiche und des Großherzogtums Hessen. Der Präsidialsitz war noch unbesetzt, aber auch Graf Thun ließ nicht lange auf sich warten. Er kam mit elastischen Schritten, so daß er im ersten Augenblicke wohl für einen lebenslustigen aristokratischen Herrn, aber nicht für einen Diplomaten hätte angesehen werden können, blies vergnüglich den Rauch seiner Havannazigarre von sich, grüßte liebenswürdig herablassend die Herren »Kollegen« und setzte sich dann an seinen Platz oben an dem Tische.
Daß Graf Thun rauchte, und zwar allein rauchte, während kein anderer der Herren es wagte, dies Präsidialvorrecht ihm streitig zu machen, hatte Bismarck bereits früher mit Mißbehagen gesehen. Diesmal schien sich der Vorsitzende mit ganz besonderem Vergnügen dem Genuß hinzugeben; die bläulichen Wölkchen zogen an dem Gesichte des preußischen Gesandten hin, der feine Duft hatte etwas Verlockendes; und da diesem nicht einleuchtete, weshalb Preußen hier am grünen Tische nicht tun sollte, was Österreich sich erlaubte, zog er mit feinem Lächeln sein Zigarrenetui hervor, bat sich von Graf Thun etwas Feuer aus, und gleich darauf blies auch er die blauen Ringe in die Luft, gleichmütig, behaglich, als ob sich das just so gehörte, während die anderen Herren verwundert, ja, beinahe verblüfft schienen über den an sich so unbedeutenden Vorgang.
Daheim erzählt Bismarck die Geschichte und fügte lächelnd bei:
»Es soll mich gar nicht wundern, wenn nächstens auch Bayern raucht, und da keiner dem anderen etwas vergeben möchte, weil das als eine Zurücksetzung seines Staates gelten könnte, wird auch Herr von Nostiz (Sachsen) und Herr von Bothmer (Hannover) bald nachfolgen, und selbst die Herren von Reinhard (Württemberg) und von Münch-Bellinghausen (Hessen) werden ihre Aversion gegen das Rauchen trotz aller unbehaglichen Folgen aufgeben. So kommt’s bei allem immer nur auf den richtigen Anfang an!«
Die Folgezeit lehrte, daß er bezüglich des Rauchens recht hatte.
Nun widmete er sich wieder seinem lieben Gaste Motley, der in dieser prächtigen Häuslichkeit sich einige Tage wohl und wie daheim fühlte. Was waren das für den geistvollen Engländer für herrliche Tage und für genußreiche Abende!
Das Wetter hatte nicht erlaubt, einen derselben im Garten zuzubringen; so war man zuerst im Speisezimmer gewesen, wo man durch die Fenster hinaussah auf die Bäume des Gartens, und genoß in vergnügter Zwangslosigkeit, was die Gastlichkeit des Hauses, die Liebenswürdigkeit der freundlichen Wirte bot.
Dann ging es nach dem anstoßenden freundlichen Saale. Außer Motley war noch der treffliche Maler Jakob Becker mit seiner Familie des Abends gekommen, und so saß ein Kreis guter, fröhlicher Menschen in dem traulichen Raume beisammen. Die Herren rauchten, und der Duft der feinen Havannas wirbelte empor, indes der geistvolle Hausherr in seiner gemütlichen Weise scherzte:
»Sehen Sie, lieber Motley – das ist doch eine andere Tafelrunde als die zwar achtenswerte, aber doch wenig unterhaltende im Taxisschen Palais, wo in mir wirklich manchmal im Gefühle gähnender Unschuld die Stimmung gänzlicher Wurschtigkeit vorherrschend wird. Ich bemühe mich zunächst nur, und, wie es scheint, nicht ganz erfolglos, den Bund zum Bewußtsein des durchbohrenden Gefühls seines Nichts zu bringen. Hier aber sitze ich ohne jede andere Absicht, als mir Herz und Seele wieder zu erfrischen im Umgang mit lieben Freunden. Und in der Hauptsache kommen nur solche. Thun sieht in seinem Hause alles, was mit Österreich sympathisiert, in den Kreisen des Hochadels – ich liebe mir hier den Adel vom Schlage unseres braven Becker. Wie köstlich ist das erst im Winter, wenn ich hier am Kamine sitzen und mit der Feuerzange in der Glut herumstochern kann, während der Wind vor den Fenstern saust, wenn Freund Becker oder sonst einer etwas erzählt von seinen Künstlerfahrten und seinem Schaffen, und dann eine kunstfertige Hand in die Tasten greift … ach bitte, Fräulein Becker, machen Sie uns die Freude!«