Die Angeredete erhob sich ohne Ziererei und setzte sich an das Instrument. Die Töne rollten perlengleich unter den schlanken Fingern hervor, und behaglich zurückgelehnt in seinen Sitz lauschte der Hausherr, bis sie leise verhallend ausklangen.
»Das sind die guten Geisterchen, die dem geplagten Diplomaten manchmal das Gleichgewicht wiedergeben helfen!« sagte er lächelnd.
»Der Himmel schenke Ihnen und Ihrem Hause recht viele gute Geister!« erwiderte Motley.
»Na, einige ganz herzige und herrliche liegen da drüben in ihrem Bettchen!« sprach der Maler.
»Da mögen Sie recht haben, lieber Becker,« bemerkte der Hausherr; »es sind zwar Geisterchen mit Fleisch und Bein, aber die richtige Wirkung tun sie doch!«
So ging der Abend hin, und als es ganz still im Hause geworden war, da leuchtete der Lampenschimmer aus Bismarcks Arbeitsgemach hinaus in die Nacht. Und Stunde um Stunde verging. Lange diktierte er seinem Sekretär an den Berichten, die nach Berlin abgehen mußten, und die eine Fülle von scharfen Beobachtungen und von klarer Einsicht in die politischen Verhältnisse bekundeten. Dann entließ er den Beamten, setzte sich selbst an den Tisch und schrieb noch einige wichtige Briefe, und als er endlich zum Siegeln gekommen war, tagte bereits der Sommermorgen und warf seinen erwachenden Schimmer in den Raum.
Nun erst legte er sich angekleidet auf sein Sofa. Gleich darauf schlief er, tief, ruhig, aber kaum zwei bis drei Stunden. Der Sommermorgen weckte, und der Sonnenschein lockte hinaus. Wohl waren ihm die Glieder steif von dem nicht ganz bequemen Lager, und er fühlte eine Schwere und Abspannung, aber er war der Mann der Kraft und der Selbstbeherrschung. Er ließ sich sein Pferd satteln, und während die vornehme Welt Frankfurts noch im Morgenschlummer träumte, ritt er die Bockenheimer Landstraße hinaus, am Zoologischen Garten vorüber und in die lachende Landschaft hinein, und da und dort blieben wohl zwei oder drei stehen und sahen ihm nach, und einer sagte:
»Das ist der preußische Bundesgesandte – soll ein schneidiger Mann sein!«
Motley war wieder abgereist, aber in Bismarcks gastliches Haus kamen immer neue Besucher, und alle fühlten sich hier wohl und ungemein angeheimelt von dem herzlichen und zwanglosen Ton, welcher hier herrschte.
Da ließ sich eines Tages ein besonders erlauchter Gast melden, Prinz Wilhelm von Preußen. Er war schon vordem gelegentlich einer Truppeninspektion in Frankfurt gewesen und auf dem Bahnhofe bei seiner Ankunft war ihm Bismarck vorgestellt worden, der in seiner Uniform als Landwehrleutnant mit der Lebensrettungsmedaille auf der Brust dem hohen Herrn besonders auffiel, so daß er nochmals dem General von Rochow gegenüber seine Bedenken äußerte über die Wahl des Landwehrleutnants Bismarck zu einem so wichtigen Posten. Aber im Gespräch mit diesem überzeugte er sich selbst bald genug, daß der preußische Diplomat trotz seiner verhältnismäßig jungen Jahre ein klarblickender und energischer Mann und ein sehr warm fühlender Patriot sei.