Als er nun diesmal nach Frankfurt gekommen war, erbat sich der Baron Rothschild eine Audienz und ersuchte, ihm die Ehre zu erweisen und bei ihm zu speisen. Der Prinz erwiderte lächelnd, daß er sich bei Bismarck bereits eingeladen habe, und als der Baron trotzdem in ihn drang, legte er es ihm nahe, sich mit dem Bundesgesandten darüber abzufinden.

Rothschild fuhr in der Bockenheimer Landstraße 40 (jetzt 140) vor. Er traf Bismarck daheim und trug ihm sein Anliegen vor, ihm den hohen Gast zu überlassen.

»Es tut mir leid, mein verehrter Baron, Ihnen nicht dienen zu können, aber abgesehen von der Ehre, welche ich damit meinem Hause entziehen würde, ist mir jede Stunde wertvoll, welche ich in der Nähe des Prinzen meines Königshauses zubringen kann.«

»Aber Exzellenz würden mich außerordentlich beglücken, wenn Sie gleichfalls in meinem Hause und an meinem Tische erscheinen wollten.«

»Besten Dank, mein Herr Baron, aber ich muß schon auf meinem Schein bestehen und auf meinem Vorrechte beharren.«

»Dann wollen Exzellenz mir mindestens gestatten, daß meine Speisen auf Ihrer Tafel serviert werden, so daß wir uns in die Ehre, den hohen Gast zu bewirten, teilen.«

»Ich kann Ihnen leider auch darin nicht entgegenkommen. Es würde mindestens sehr verwunderlich sein, wenn der preußische Bundestagsgesandte bei Bewirtung eines preußischen Prinzen nichts weiter als den Tisch hergeben würde. Außerdem aber bin ich ein Gegner jeder Halbheit – also verzeihen Sie, Herr Baron –«. Rothschild erkannte, daß er den anderen nicht umstimmen würde, und leistete seufzend Verzicht, der Prinz aber speiste an dem gastlichen Tische Bismarcks und fand auch hier immer neues Wohlgefallen an dem prächtigen Manne.

Dieser aber arbeitete unverdrossen und kraftvoll weiter in der Wahrung der Interessen seines Staates. Dabei machte er aber bald genug die Wahrnehmung, daß er nicht nur durch die österreichische Botschaft sehr beobachtet werde, sondern daß man zweifellos auch Briefe von ihm auffange und öffne. Es ging übrigens den anderen Bundesgesandten nicht besser. Eines Tages klagte ihm Herr von Bothmer, der Vertreter Hannovers, daß er begründeten Verdacht habe, daß auf irgendeinem Wege Graf Thun Kenntnis von dem Inhalt seiner Korrespondenz haben müsse. Bismarck lächelte und bemerkte, er müsse eben bei Absendung klug zu Werke gehen.

»Aber was heißt hier klug?« fragte Bothmer.

»Das will ich Ihnen zeigen, wenn Sie ein halb Stündchen Zeit haben; ich habe just eine Sendung zu expedieren.«