Endlich stand er an dem Karpfenteiche und trat auf das kleine Podium hinaus, um seine Gaben zu spenden. Schon nach dem ersten Wurfe der kleinen Hand tauchten die silbergrau schimmernden Rücken auf und kamen heran, und gierig schnappten die großen, runden Mäuler. Otto jauchzte, wenn sie um einen besonders großen Bissen sich drängten und balgten und ihn einander zu entreißen suchten, und er warf seine Gaben bald rechts, bald links, um auch den minder Zudringlichen und weniger Starken etwas zukommen zu lassen. Ganz im Hintergrunde, nach der Mitte zu, waren einige kleinere Fische, die bei jedem Wurfe schnappten, aber nicht herankommen konnten. Auch sie sollten ihr Teil erhalten. Der Knabe füllte die ganze Hand dicht mit Brocken und holte nun mit ganzer Kraft zum Wurfe aus. Dabei aber hatte er sich wohl etwas zu weit vorgebeugt, er verlor das Gleichgewicht; klatschend schlug er ins Wasser, so daß die Fische erschreckt auseinanderstoben, und nun arbeitete und strampelte der kleine Bursche mit Armen und Beinen in einer nicht ungefährlichen Lage, denn der Teich war ziemlich tief. Er faßte nach dem Schilfe und suchte sich daran festzuhalten, aber das schwanke Rohr bot keine Stütze. Doch war es ihm geglückt, näher an das Podium heranzukommen; mit aller Anstrengung und durch eine unbewußt günstige Bewegung unterstützt, konnte er es ergreifen, beide Hände faßten rasch und sicher zu – und gleich darauf hatte sich der kleine Mann glücklich herausgearbeitet.

Er sah ganz verdutzt zuerst nach dem Teiche und dann an sich selbst hinab. Seine Beine waren schlammbedeckt, und Schilf hing an den durchnäßten Kleidern. Er schüttelte sich einmal kräftig, dann trabte er fort nach dem Herrenhause.

Er wollte zu Lotte Schmeling, seiner Vertrauten, flüchten, kam aber gerade der entsetzten Mama in den Weg.

»Was ist passiert, Otto?« schrie sie erschrocken auf, als sie den Kleinen sah, aus dessen Haaren das Naß niederrieselte auf das triefende Gewand.

»O nichts, Mama – ich bin nur, wie ich die Karpfen füttern wollte, ein bißchen in den Teich gefallen. Es tut nichts – bloß entsetzlich kalt ist’s!«

Die Zähnchen schlugen ihm jetzt im Frost zusammen, und unter Beihilfe von Lotte Schmeling wurde er rasch zu Bette gebracht und mußte heißen Tee trinken.

Am Abend fühlte er sich wieder völlig munter. Der Vater hatte bei ihm gesessen und mit ihm geplaudert: er hatte ihm gesagt, daß er schwimmen lernen müsse, wie die Karpfen im Teiche, und zwar, sobald er wieder aus dem Bette sein werde, und das hatte ihm viel Vergnügen gemacht. Dann aß er sein gewohntes Abendsüppchen, und endlich, beim Dunkelwerden, kam Mama noch einmal.

»Siehst du, Otto, wie gut es der liebe Gott meint mit kleinen, dummen Jungen? Überall schickt er einen Engel mit ihnen, der ihnen hilft, wenn sie in Not sind. Du wärst im Karpfenteich ertrunken, wenn er nicht bei dir gewesen wäre und dich herübergezogen hätte, so daß du das Podium fassen konntest. Dafür mußt du dem lieben Gott heute auch ganz besonders danken!«

So sagte die schöne, freundliche Frau, und der Knabe faltete die Händchen und sprach sein Abendgebet mit besonderer Herzlichkeit.

»Amen!« sagte die Mutter bewegt, als er damit zu Ende war, dann küßte sie ihren Liebling, deckte ihn sorgsam zu und ging. –