Der Unfall hatte für Otto keine weiteren unangenehmen Folgen, und in gewohnter vergnüglicher Weise lebte er seine Tage weiter. Als nach einiger Zeit Bernd (Bernhard), der um fünf Jahre ältere Bruder, aus Berlin ankam, erzählte er ihm beinahe mit einem gewissen Selbstgefühl sein Abenteuer, vergaß dabei aber nicht, auch des Schutzengels Erwähnung zu tun.

Bernhard war ein frischer, schlanker Junge, dem es besonderes Vergnügen machte, nach dem Berliner Aufenthalte frei durch Feld und Wald zu schweifen, und Otto war sein beinahe unzertrennlicher Begleiter. Die Erzählungen des Älteren von der Haupt- und Residenzstadt Preußens und ihren Herrlichkeiten, von den militärischen Schauspielen, von dem König und seinem Hofe verfehlten nicht, die Phantasie des Jüngeren zu erregen und in ihm eine Sehnsucht nach diesen Wunderdingen zu wecken. Dann setzte Bernhard der Begierde des Bruders wohl einen kleinen Dämpfer auf, indem er ihm erzählte, wie es in der Plamannschen Anstalt, in welcher er untergebracht war, zuging.

»Das ist nicht so wie bei Muttern. Und da kannst du nicht den ganzen Tag im Parke herumschlendern und Karpfen füttern, und kannst auch nicht, wenn dich hungert, zu Lotte Schmeling laufen. Da heißt’s jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen. Dann gibt’s Milch und Brot als Frühstück, und von sieben Uhr an mußt du drei Stunden lang auf der Schulbank sitzen, dafür erhältst du um zehn Uhr ein Salzbrot, das du im Sommer mit einem Apfel oder einer Birne dir schmackhafter machen kannst, und nach einer halben Stunde geht’s wieder in die Schulstube. Mittags um zwölf Uhr wird gemeinsam in einem großen Saale gegessen, und da fragt dich niemand, ob dir’s schmeckt oder nicht. Wenn du dein Schüsselchen nicht ausessen kannst, mußt du mit demselben so lange im Garten stehen, bis du es geleert hast. Dann wieder von zwei bis vier Uhr Unterricht, zum Vesper ein Salzbrot und nun nochmals bis sieben Uhr auf die Schulbänke. Du, da ist man froh, wenn’s Abend geworden, und man sein Warmbier oder Butterbrot erhält. Nur das Turnen und Fechten, das ist hübsch! Ja, mein lieber Otto, auf Kniephof oder Schönhausen ist’s schon schöner!«

Der Kleine hat bei solchen Schilderungen die Hände in die Taschen gesteckt, bleibt breitbeinig vor dem Bruder stehen und sagt dann ruhig und beinahe überlegen:

»Weißt du, Bernd, wenn du es ausgehalten hast, kann ich’s auch!«

Kurze Zeit darauf gab der Vater Ottos, Herr Ferdinand von Bismarck, ein kleines Fest, wie es der an der Geselligkeit sich freuende Mann ab und zu liebte. Offiziere aus dem nahen Naugard und anderen Garnisonen hatten sich eingefunden, und die Gastlichkeit des von Bismarckschen Hauses, in welchem an des heiteren, lebensfrohen Gatten Seite eine ungemein liebenswürdige und in jeder Weise feine und edle Hausfrau waltete, kam in aller Herzlichkeit zur Geltung.

Bei der Mittagstafel herrschte ein lebhafter, munterer Ton, und der Wein löste die Zungen noch mehr. Bernhard und Otto saßen an einem Seitentischchen, und der letztere besonders ließ sich wenig von dem Gespräch entgehen, zumal dasselbe bald genug auf ein Gebiet kam, das noch immer alle Gemüter lebhaft bewegte! Die Zeit der Schmach und der Erhebung Preußens und Deutschlands. Die Männer an dem Tische und in den Uniformen hatten fast alle ihren Teil an jenen Tagen und jenen Begebenheiten, und mancher wies ein blinkendes Ehrenzeichen, mancher auch eine ehrenvolle Wundennarbe auf.

»Sie haben die Befreiungskriege nicht mitgemacht, Herr von Bismarck?« fragte einer der jüngeren Offiziere.

»Im eigentlichen Sinne, als Streiter des Heeres, nicht. Ich habe den Soldatenrock schon früh ablegen müssen, der Familienverhältnisse halber. O, ich bin sehr jung schon Soldat gewesen, habe als Knabe schon im Rathenower Leibkarabinierregiment gedient und stramm meinen Dienst geübt. Jeden Morgen Schlag 4 Uhr war ich da und habe den Reitern den Hafer zumessen lassen. Bei Kaiserslautern hab’ ich unter dem Herzog von Braunschweig mitgefochten, aber es war keine Ehre zu holen. Darum hab’ ich als Rittmeister meinen Abschied genommen.«

»Haben Sie auf Ihrem Gute viel von den Franzosen zu leiden gehabt?« fragte einer der Gäste.