»Wir sind damals, als Preußen zusammenbrach, nicht auf Kniephof, sondern auf Schönhausen gewesen. 1815 am 1. April ist uns der kleine Schlingel, der Otto, geboren worden – mit dem wir hoffentlich nicht in den April geschickt werden, – aber es war eine trübe Zeit gewesen für das Vaterland. Ob wir sie mitempfunden haben, meine Herren? – Na, Minchen« – er wandte sich zu seiner Frau – »ich denke, wir vergessen’s all unsere Lebenstage nicht! Zwei Tage nach der Unglücksschlacht von Jena und Auerstädt, an einem rauhen Oktobertage des Jahres 1806, kam die liebe, gute Königin Luise, flüchtig und geängstigt, und blieb im Schlosse Tangermünde, Schönhausen gegenüber am linken Elbufer, über Nacht, dann floh sie weiter gegen Ostpreußen, und hinter ihr drein zogen die französischen Scharen und die preußische Schande. – Wenige Tage später saß im Tangermünder Schlosse der Marschall Soult, und seine zügellosen Banden tauchten in der ganzen Gegend auf. Damals habe ich mein bißchen Barvermögen in Gold im Parke vergraben und flüchtete mit meiner Frau unter Mühen und Gefahren bis nach dem »Trüben«, einer sumpfigen, umbüschten Niederung an der Elbe, wohin die Schönhauser sich zurückgezogen hatten. Der Aufenthalt in der langen, kalten Oktobernacht in dem feuchten Sumpfloche war fürchterlich, zumal wir jeden Augenblick davor bangten, daß über unserem Besitztum der rote Flammenschein auflodern würde. Endlich, nach entsetzlich langen Stunden, graute der Morgen. Einige schlichen nach Schönhausen und brachten die Kunde, der Feind sei fort, und so zogen wir heimwärts. Aber wie hatten diese Teufelsfranzosen gewirtschaftet! Verwüstung und Elend überall in den Kätnerhütten wie im Herrenhause. Im Schlosse war alles durcheinandergeworfen, vieles zertrümmert; den Stammbaum der Bismarck, der im Bibliothekzimmer hing, hatten sie mit Säbeln zerhauen und zerstochen, daß die Fetzen davonhingen – na, ich denke, dem Stamme selber soll das nicht geschadet haben.

Als ich nach meinem Gelde im Garten ging, fand ich die Erde aufgewühlt … aber ich sah auch bald die Goldstücke blinken. Der Feind hatte sie nicht gefunden, und die Erdarbeit mochte das Werk eines spürenden Hundes gewesen sein. Später habe ich, um mich und meine Bauern zu bewahren, mir von Soult eine Schutzwache erbeten, aber meine Frau habe ich doch größerer Sicherheit wegen nach Rathenow gebracht. Ach Gott, aber die allgemeine Not war doch noch schlimmer als die des einzelnen, und als unser liebes Preußen zerrissen wurde, da grenzte Schönhausen hart an das neue Königreich Westfalen, es fehlte nicht viel, so hätten wir Jerôme als König bekommen.«

Der brave Rittmeister nahm einen kräftigen Schluck, wie um die schlimmen Erinnerungen damit fortzuschwemmen. Einer der Offiziere aber fragte: »Und wie war’s in den Befreiungskriegen? Sie hatten ja auch in der Altmark Ihren Landsturm?«

»Und ob wir einen solchen hatten! Und er hat redlich die Heimat vor Franzosen und Russen behütet. Ich darf’s wohl ohne Ruhmredigkeit sagen, daß ich treulich das meine dabei getan habe. Und wir hatten an der Elbe gute Helfer gehabt in den braven Lützowern, die im Mai 1813 nach Schönhausen kamen und mit uns die Übergänge über den deutschen Strom bewachten. Das bleibt mir eine unvergeßliche Erinnerung, jener Gottesdienst in unserer einfachen, alten Dorfkirche, bei welchem die neueingetretenen freiwilligen schwarzen Jäger eingesegnet wurden. Es war rührend, wie Männer mit ergrauten Haaren neben frischen Jünglingen sich um den braven Major von Lützow scharten, und ich habe damals mit Tränen in den Augen manchen Wackeren gesehen, den ich nicht vergesse. Da war der junge Theodor Körner, der Freiheitsdichter, mit seinen dunklen Feueraugen, der dann bei Gadebusch gefallen ist, der Turner Ludwig Jahn mit seinem Löwenkopfe, und sie sangen ein Lied ihres jungen Kampfgenossen und leisteten einen heiligen Eidschwur fürs Vaterland, und unser Prediger Petri hat ihnen den Segen gegeben, und der Segen hat geholfen!«

»Ja, er hat auch mitgeholfen,« sagte jetzt der Major von Schmerling, dessen Brust mit dem Eisernen Kreuz geschmückt war, und der noch immer den einen Arm in der Binde trug. »Wir haben’s den Franzosen tüchtig heimbezahlt bei Großgörschen und Großbeeren, bei Dennewitz und an der Katzbach und zuletzt in der Leipziger Schlacht. Und jeder, der dabei gewesen ist, darf mit Stolz davon erzählen. Am 16. Oktober haben wir um Wachau und Güldengossa gestritten und den Reitersturm des Königs Murat zurückgeschlagen, am 17. verübte der alte Marschall Vorwärts seinen glücklichen Reiterstreich bei Möckern, wo Ihr Bruder, lieber Bismarck, der brave Major Leopold von Bismarck, den Heldentod starb, und am 18., Kinder, da war der große Entscheidungstag. Das war ein Geschützdonner, wie ich ihn all mein Lebtag nicht gehört habe; in Probstheide schlugen die Kanonenkugeln von allen Seiten ein, als ob irgendwo von oben her ein Apfelbaum geschüttelt würde. 1500 Geschütze spien ihr Verderben gegeneinander, aber Gott war mit uns, und in der Völkerschlacht haben wir den Mann des Jahrhunderts überwunden.«

Mit leuchtenden Augen und vorgebeugt hatte Otto nach dem Sprecher hingesehen, und kein Wort verloren, welches aus seinem Munde ging. Als der Major jetzt innehielt und das Glas ansetzte, sprang der kleine Bursche auf und trat dicht vor ihn hin. Mit dem vorgestreckten Zeigefinger deutete er auf das Eiserne Kreuz an seiner Brust und fragte mit vollem Ernste:

»Ist Er auch von einer Kanonenkugel geschossen worden?«

Die naive Frage des Knaben löste die ernste Stimmung, welche in dem Kreise eingetreten war, alle lachten, der Major aber zog den Kleinen zu sich heran und sagte:

»Nein, mein Schelm, dann säße ich heute wohl nicht mehr hier. Na, wie ist’s – du willst wohl auch einmal Soldat werden?«

Die Frau des Hauses nahm das Wort: