Auf den 18. Oktober fiel der Geburtstag des Königs. Auf der Villa in der Bockenheimer Landstraße wehten die preußischen Fahnen, und im Laufe des Vormittags fuhren Bismarck und die Beamten der Gesandtschaft in größtem Staat nach dem Kornmarkt, wo in der großen Reformierten Kirche der Festgottesdienst abgehalten wurde. Die Mittagstafel aber sah zahlreiche und erlesene Gäste, und der Hausherr verstand es, in kräftigen, gehaltvollen Worten der Begeisterung Ausdruck zu geben, die er selbst für seinen königlichen Herrn fühlte, und die er auch in anderen Herzen zu entflammen wußte.
Und als der Abend kam, zog er seine Landwehrleutnants-Uniform an mit der Lebensrettungsmedaille und begab sich nach der Kaserne, wo die preußischen Soldaten gleichfalls festlich den Geburtstag ihres obersten Kriegsherrn begingen. Hier war die Lust in vollem Gange. Rauschende Musik klang durch den Saal, und in lauter, aufjauchzender Fröhlichkeit drehten sich die Paare im Reigen. Als er eintrat, machten die Soldaten am Eingang Honneurs und flüsterten sich, als er vorüber war, zu: »Seine Exzellenz, der Herr Leutnant von Bismarck!« Sie kannten ihn alle, den prächtigen, stattlichen Mann, der so heiter und herzlich sein konnte, und auch diesmal wieder bald da, bald dort auftauchte und sich mit den schlichten Kriegern unterhielt.
Der Herbst entblätterte die Bäume in dem Garten, und der Winter spielte mit seinen Flocken um die freundliche Villa. Aber wenn auch der Sturmwind um die Fenster fegte, drinnen war’s um so behaglicher. Diese Winterabende waren köstlich, wenn in dem Salon bei dem flackernden Kaminfeuer sich um die liebenswürdigen Wirte prächtige Gestalten scharten, von denen jeder fand, was er nur suchen mochte: Schlichtheit, Herzlichkeit, vornehme Sitte und frischen Humor. Wie zwanglos verkehrte da Prinz Georg von Preußen mit Schriftstellern, in deren Kreis er sich zählen durfte, wie gemütvoll und vergnügt plauderte die Großfürstin Helene von Rußland (geborene Prinzessin von Württemberg) mit der Frau des Malers Becker, und wenn die Gäste in stiller Nacht schieden, nahmen sie etwas von dem Behagen dieses Hauses mit sich fort, das noch lange in ihnen nachklang.
Der Winter stellte freilich auch gesellschaftliche Anforderungen, denen Bismarck um seiner Stellung willen entsprechen mußte. Dabei fühlte er sich nicht immer besonders vergnüglich, zumal der österreichische »Botschafter« überall eine dominierende Stellung beanspruchte, und er seinerseits darüber wachte, daß auch der Würde seines Staates nichts vergeben werde.
Der englische Lord Cowley gab ein großes Fest zu Ehren seiner Königin. Die Räume waren glänzend geschmückt; Farben und Fähnchen fast aller Kulturstaaten woben sich zu einem bunten Bilde zusammen, aus welchem sich das transparente englische Wappen abhob, dem gegenüber sich der ungekrönte Doppeladler – das Wappen des deutschen Bundes – zeigte. Die Gesellschaft war eine sehr vornehme. Graf Thun tänzelte zierlich um die Damen, der Lord zeigte sich als vornehmer und lebhafter Wirt, zwischen den Gesandten der deutschen Staaten bewegten sich mit graziöser Gewandtheit der Vertreter Frankreichs, Tallenay, und der belgische Graf Briey, und der Tanz bot bei der Reichhaltigkeit der Toiletten geradezu glänzende Bilder. Bismarck lehnte behaglich an einer reichdekorierten Säule und sah in das Gewühl. Im bunten Kotillon bewegten sich die Paare, darunter viele der älteren Diplomaten, und er machte die Bemerkung, wie viele von den Damen schwarzgelbe Seidenschleifen, die Farben Österreichs, trugen, während er nach jenen Preußens vergebens suchte. Eine junge Prinzessin von Nassau kam eben an ihm vorüber, am Arme eines süddeutschen Diplomaten. Sie sah ihn flüchtig an, aber es lag in dem Blicke selbst eine unverkennbare Beimischung von Geringschätzung. In diesem Augenblicke trat ein anderes Mitglied der preußischen Bundestagsgesandtschaft an ihn heran. »Fürchten Exzellenz nicht die Ungnade Ihrer Hoheit der Prinzessin von Nassau?«
»Wieso?«
»Wir armen Preußen sind bei ihr schwer diskreditiert; Hoheit geruhte mit allen anderen Mächten zu tanzen, nur mit Preußen nicht!«
»Das ist freilich schlimm, aber ich hoffe, daß es mir nicht den Rest meiner Nachtruhe verderben wird,« sagte Bismarck lächelnd.
Nicht lange darauf verließ er das Fest.
Weihnachten wurde in freundlicher Weise verlebt, und das Fest brachte dem Vielbeschäftigten einige Ruhe und Muße. Dann wieder Arbeit in Fülle, zwischendurch aber auch manch ein vergnügter Tag! Wie war das so lustig zur Fastnachtszeit, als er seinem Dienstpersonal ein fröhliches Fest gab, wie er es daheim in der Altmark seit der Väter Tage gewohnt war! Er fehlte nicht unter den »Seinen« und freute sich, wie alle Augen lachten vor Fröhlichkeit, und wie vor allem die knusprigen, braunen »Pannkauken« schmeckten, die er selber auch kostete. In solchen Stunden wuchs er seinen Dienern noch mehr ans Herz, als es schon der Fall war, und Frau Johanna nicht minder.