Der Frühling von 1852 kam ins Land. In Österreich war an Stelle des Ministers Schwarzenberg der Graf Buol-Schauenstein getreten, und damit schärfte sich eine bereits schwebende Angelegenheit zwischen Preußen und Österreich noch mehr zu. Es betraf den von dem ersteren begründeten deutschen Zollverein, für welchen die bisher noch unbeteiligten deutschen Staaten gewonnen werden sollten, während Österreich, das von demselben ausgeschlossen war, an der Auflösung desselben arbeitete. Bismarck hatte hier seine vollgemessenen Verdienste, und da der neue österreichische Ministerpräsident mit aller Macht den preußischen Bestrebungen entgegenarbeitete, ging er im Auftrag seines Königs nach Wien, um an den Kaiser ein Handschreiben Friedrich Wilhelms IV. zu überbringen.

In den ersten Tagen des Juni traf er in der Hauptstadt an der Donau ein. Der Minister Buol empfing ihn ziemlich ungnädig und erklärte bestimmt, daß Österreich sich von Deutschland nicht als Ausland behandeln lassen werde.

Bismarck war zwar verstimmt, aber nichts weniger als entmutigt. Er freute sich der Liebenswürdigkeit, mit welcher er fast überall aufgenommen ward, lebte in dem freundlichen Schönbrunn den anmutigen Erinnerungen an seine Hochzeitsreise, und fuhr endlich am 23. Juni auf der Donau hinab nach dem alten Ofen, wo er im kaiserlichen Schlosse seine Wohnung erhielt. Hier saß er, hoch über Stadt und Strom, und ließ den Blick hinausschweifen über das weite ungarische Flachland, und dachte bei all den Schönheiten an den Kreis seiner Lieben in Frankfurt.

Von dem jungen Kaiser wurde er in besonderer Audienz mit liebenswürdiger Herablassung empfangen und machte mit dem Hofe einen Ausflug ins Gebirge. Stimmungsbilder von satter Farbenglut gingen an seinem Auge vorüber. Im Hintergrunde die ungarische Königsstadt mit ihrer hochragenden Burg, ringsum grüner Buchenwald, auf freiem Rasenplane die kleine Tafel für etwa zwanzig Personen, eine jubelnde Volksmenge, die sich ringsum drängte und bis in die Wipfel der Bäume kletterte, leise hallender Hörnerklang, und als der Abend kam, das ganze Bild übergossen vom bläulichen Mondschimmer und matt erhellt von loderndem Fackelglanz – das alles war so fremdseltsam, daß es wie eine Phantasie erschien, der die ernste Wirklichkeit bald folgte in Gestalt eines Telegramms aus Berlin, welches entschieden die österreichischen Zumutungen in der Zollvereinsfrage zurückwies.

Nicht lange darauf saß Bismarck wieder im Kreise der Seinen, der sich am 1. August 1852 noch um ein Söhnchen vermehrte, das nach seinem hohen Paten Wilhelm genannt wurde.

Im Herbste desselben Jahres mußte er zu seinem großen Bedauern seine freundliche Wohnung in der Bockenheimer Landstraße aufgeben, weil ein reicher Westfale das Haus gekauft, und nun siedelte er nach der Großen Gallusstraße Nr. 19 über; aber der Ruf der hohen Gastlichkeit, der vornehmen und dabei gemütvollen Liebenswürdigkeit haftete auch hier an dem Heim des Diplomaten.

Die kommenden Jahre gaben Bismarck genug Gelegenheit, seine Umsicht, Klugheit und Tatkraft im Interesse seines Staates zu bekunden. Und er hat in kleineren wie in gewichtigen Dingen seine Anschauungen zur Geltung zu bringen verstanden – und eine Tätigkeit entwickelt, die schon ihrem Umfange nach Staunen erregt. Die immerwährenden Reisen, die eingehenden klaren Berichte, die unmittelbare Tätigkeit im Bundestage selbst hätten einen anderen aufreiben müssen.

Da tat mitunter eine Erholung dringend not.

Im Sommer 1853 erfrischte er sich in den Wellen der Nordsee und reiste dann durch Belgien und Holland zurück. Der politische Horizont hatte sich umwölkt, der »Krimkrieg« zwischen Rußland und den europäischen Westmächten hing in der Luft, und der preußische Staatsmann suchte nach seiner besten Überzeugung seinen König in dieser Sache neutral zu erhalten, was auch gelang.

Spott, der ihn deshalb traf, wußte er sehr geschickt und scharf zurückzuweisen. So war er in diplomatischem Auftrage in München gewesen, und als dort zu Ehren eines österreichischen Generals eine Militärparade abgehalten wurde, erschien er dabei gleichfalls in seiner Landwehruniform. Auf seiner Brust lag schon längst nicht mehr die Rettungsmedaille allein, sondern zahlreiche hohe Orden schmückten dieselbe. Der General, welcher an ihn herangeritten war, sah mit einigermaßen spöttischem Blicke auf die blinkenden Auszeichnungen und fragte: