Eis. Kanzler III
Napoleon und Bismarck in Biarritz.
Hier war ihm alles fremd und neu, und so ließ er sich gern veranlassen zu Ausflügen, welche den Reiz der nordischen Gegenden vor ihm entrollten und überdies eigenartige neue Jagdvergnügen boten. Diese Ausflüge erstreckten sich bis nach Schweden, wo er bis Tomsjonäs in Smaland vordrang. Fremdseltsam mutete ihn die Gegend an mit ihren weiten, wüsten Strecken, wo bald zwischen Sumpf und Moor dichtes Gestrüpp und Unterholz wuchert, bald über grauverwittertes Gestein und zwischen felsigen Ufern schäumende Bergwasser hinwegrauschen, bald, von Waldesgrün umsäumt, große, dunkle Seen im Sonnenscheine träumen – wo die Menschheit zu fehlen scheint in der großen Szenerie der Natur, die wie im Sonntagsgewande ihrer Schöpfung ruht und mit tiefer Stille den Jäger umfängt.
Manch jagdbares Getier verfiel seiner sicheren Büchse, und das Jagen war nicht immer gefahrlos. So stand dem Jäger auf einer seiner Fahrten plötzlich ein unbehaglicher Gesell gegenüber, ein braunes Ungeheuer, das wie aus dem Boden gewachsen schien, ein Bär, der die zornigen Augen gegen ihn wandte und nicht freundlich ihn anbrummte. Da galt kein langes Überlegen. Auf sechs Schritte Entfernung gab der mutige Schütze Feuer, und das Tier brach zusammen. Aber »Meister Petz« war zäh; er begann sich noch einmal, jetzt zur Wut entfacht, zu erheben, doch Bismarck lud schnell und ohne merkliche Bewegung seine Waffe, und als das Tier sich nun erhob, traf es die zweite Kugel und streckte es tot nieder.
An Körper und Geist erfrischt, die Seele erfüllt von neuen Bildern, kam Bismarck nach Frankfurt zurück, froh, mit seinen Lieben wieder vereint zu sein, die er sich manchmal zur Seite gewünscht hatte in einem kleinen, stillen, freundlichen Landhause an einem der Nordlandsseen. – Da brachte der Herbst wiederum Trübes. König Friedrich Wilhelm IV. war infolge eines Schlaganfalles erkrankt und hatte die Stellvertretung in der Regierung seinem Bruder, dem Prinzen Wilhelm, übertragen. Es war eine bange Zeit für die preußischen Herzen, die bei aller Verehrung für den Prinzen doch den Schmerz empfanden, der in dem königlichen Hause lebte.
So ging wieder ein Jahr vorüber, und der politische Himmel schien sich von neuem zu bewölken; zwischen Österreich und Italien begann eine Spannung, welche für den Einsichtigen, zumal bei dem Ehrgeiz des dritten Napoleon eine Einmischung Frankreichs zu befürchten war, eine drohende Kriegsgefahr barg. Im Oktober 1858 übertrug der unheilbar kranke König seinem Bruder die Regierung gänzlich, und der Prinzregent schien der preußischen Politik eine andere Richtung geben zu wollen, indem er ein neues Ministerium berief, auf welches er wie sein Volk große Hoffnungen zu setzen geneigt waren.
Auch an Bismarck war anfangs dabei gedacht worden, aber seine Zeit war noch nicht gekommen. Er wußte sich, trotz der Verstimmung seiner Angehörigen, zu trösten, und tat auch angesichts der augenblicklichen Situation das, was ihm das Richtige schien. Der Bundestag war in Aufregung, mittel- und süddeutsche Staaten drängten zum Kriege gegen Italien und Frankreich und zur Bundesgenossenschaft mit Österreich. Eine solche unbedingte Heeresfolge ging dem preußischen Diplomaten gegen seine Überzeugung. Dieselbe hatte er schon vorher unumwunden in einer Denkschrift an seine Regierung ausgesprochen, in welcher er eine selbständige preußische Politik dringendst empfahl und verlangte, daß Preußen als der größte deutsche Staat an die ihm gebührende Stelle in Deutschland treten müsse, selbst, wenn es darüber zum Bruche mit Österreich komme.
Und als jetzt der Krieg sozusagen in der Luft schwebte, sahen die übrigen deutschen Gesandten zu ihrem Erstaunen, ja Entsetzen, auf der »Zeile« Bismarck Arm in Arm mit dem Gesandten Italiens, dem Grafen Barral, einherschreiten.
In Berlin aber war man noch nicht geneigt, mit Österreich geradezu zu brechen, und so erhielt der preußische Bundestagsgesandte an einem schönen Februartage seine Ernennung zum Gesandten in Petersburg. Erfreut war er über die Mitteilung nicht, er hatte die Empfindung, daß man ihn »kaltgestellt« habe, aber der Prinzregent selbst gab ihm die Versicherung, daß diese Versetzung ein Beweis ganz besonderen Vertrauens sei – und der Mann der Pflicht tat seine Schuldigkeit.