Siebentes Kapitel.
An der Newa und der Seine.

An einem wenig freundlichen Märztage des Jahres 1859 fuhr frühmorgens ein hochbeladener Postwagen, mit acht Pferden bespannt, zu dem Tore von Königsberg hinaus. Auf dem Außensitze saß Otto von Bismarck und schaute in den dämmerigen Morgen, der ihn aus Deutschland entführte nach den Ufern der Newa.

Eine behagliche Fahrt war es eben nicht.

In den Steppen Rußlands lag noch tiefer Schnee, und mühsam arbeiteten sich die Pferde fort, so daß der Gesandte es manchmal vorzog, neben dem Wagen herzuschreiten, zumal das den frosterstarrten Gliedern guttat. Bergab war es am schlimmsten; die Pferde glitten auf den glatten Wegen aus und kamen wiederholt zum Stürzen, und in einer Stunde war man einmal etwa 20 Schritte vorwärts gekommen. Dazu keine Nachtpost. Durch das unbehagliche Dunkel leuchteten nur mit müdem Scheine die Wagenlaternen, ein eisiger Wind blies über die Steppen und wehte den feinen, beißenden Schneestaub dem Reisenden in das Gesicht, der auf seinem freien Sitze auch gar nicht daran denken konnte, zu schlafen. Es war eine Wohltat, das letzte Stück des Weges im Eisenbahnwagen zurücklegen zu können.

Nach sechs Tagen traf er in Petersburg ein. In den winterlichen weißen Hermelin gehüllt, lag die russische Kaiserstadt, und ihre Pulsader, die Newa, flutete noch unter der Eisdecke dahin. Durch die prächtigen Straßen fuhr Bismarck nach dem Hotel Demidoff, wo er fürs erste sein Quartier nahm.

So verlebte er diesmal seinen Geburtstag fern von der deutschen Heimat und den lieben Seinen, aber er war doch nicht ohne Bedeutung; er überreichte an demselben dem Zaren Alexander II. sein Beglaubigungsschreiben. Um die Mittagszeit war das reich vergoldete Gefährt mit dem kaiserlichen Wappen vorgefahren, das den Gesandten nach dem Winterpalais brachte. Durch die entlaubten Lindenalleen ging es pfeilschnell hin, vorüber an dem Prachtbau der Admiralität, von dessen Turme sich der herrlichste Blick über die Zarenstadt bietet, über den Paradeplatz hinweg und dann hinein durch das Tor in den Hof des Palastes.

Der Empfang ließ an Feierlichkeit und würdigem Zeremoniell nichts zu wünschen, aber er hatte auch beinahe den Anstrich einer gewissen Herzlichkeit. Der Kaiser empfing den preußischen Gesandten herablassend liebenswürdig und schien an dessen feinem und offenem Wesen von der ersten Stunde an Gefallen zu finden.

Auch sonst hatte Bismarck nicht über Mangel an freundlichem Entgegenkommen zu klagen. Wie einst die Großfürstin Helene, die geistvolle Witwe des Großfürsten Michael Pawlowitsch, eine geborene Prinzessin von Württemberg, sich in seinem gastlichen Hause in Frankfurt wohl befunden hatte, so vergalt sie ihm jetzt diese Gastfreundschaft in liebenswürdigster Weise in Petersburg. Manch schöner Abend wurde bei ihr verlebt, gemeinsam mit bedeutenden und angesehenen Persönlichkeiten; besonderes Interesse aber erregte es, wenn man mit Bismarck in intimem Gespräche in irgendeiner Fensternische einen kleinen, grauhaarigen Herrn mit dem glattrasierten Gesichte und den klugen Augen, die hinter glitzernden Brillengläsern hervorsahen, erblickte. Das war der russische Kanzler, Fürst Gortschakoff.

Die Freundschaft der beiden war nicht neu, sie datierte schon aus Frankfurt, wo der Fürst Gesandter seiner Regierung beim Bundestage gewesen war, und sie wurde hier mit einer gewissen Herzlichkeit erneuert.

Endlich kam auch für Petersburg der Frühling. Die Kanonenschüsse, welche eines Tags von der Festung aus donnerten, verkündeten der freudig aufatmenden Residenz, daß die Newa die starre Eisdecke zerbrochen habe und ihr glänzender Wasserspiegel mindestens auf eine Bootsbreite zutage getreten sei, und jedes Kind in Petersburg wußte es, daß zu dieser Stunde der Kommandant der Festung im Paradeanzug, und von seinen Offizieren begleitet, in eine reichgeschmückte Gondel steige, in einem goldenen Becher Wasser aus dem Strome schöpfe und dann hinüberfahre nach dem Winterpalais, um es dem Kaiser zu überbringen. Tausende von Menschen strömten zusammen und füllten den Platz, während der mächtige Herrscher oben den Becher empfing und auf das Wohl seiner Residenz leerte. So war es alter Brauch, und der Kommandant erhielt demselben gemäß zweihundert Dukaten.