Nun begann der Lenz auch die Ufer des Flusses zu schmücken, und die Straßen der Stadt wurden lebendiger, zumal der glänzende Newski-Prospekt. An der Umgebung der Residenz aber fand Bismarck kein besonderes Gefallen. Nach Süden zu hatte die Kunst der Natur einigermaßen nachgeholfen, nach den übrigen Seiten hin war noch viel einförmiger Wald und Wildnis.

Ein Punkt aber hatte für ihn eine freundliche Anziehungskraft; hier wehte es ihm entgegen wie der Hauch der Heimat. Das war das Schloß Peterhof, der überreich geschmückte Sommersitz Peters des Großen, das Versailles der russischen Kaiser, zu jener Zeit aber der Aufenthaltsort der Kaiserin-Mutter Charlotte, der Tochter der unvergeßlichen Königin Luise von Preußen.

An einem herrlichen Lenztage hatte er sie abermals aufgesucht, und sie empfing ihn wie eine mütterliche Freundin. Auch heute saßen sie auf dem Balkon, die Kaiserin auf der Chaiselongue, er selbst in einem Fauteuil, und sahen hinaus auf das Bild zu ihren Füßen: Unmittelbar unter ihnen der prächtige Garten mit seinen leise rauschenden Bäumen und seinen springenden Kaskaden, dann weiter hinaus der wunderbare Blick auf die märchenhafte Landschaft, in der aus grünen Gehegen weiße Schlösser hervorlugen, darunter zumal das anmutige Babigon, glitzernde Teiche, breite Alleen, dann zur Rechten die große Residenzstadt, zur Linken die weißen Mauern der Festung Kronstadt, und im Hintergrunde das schimmernde Meer und die im Blauen verdämmernde Küste von Karelien. Die alte Dame in dem schwarzen Seidengewande, die mit langen Holzstäben an einem Wollschal strickt, läßt die fleißigen Hände einen Augenblick sinken und sagt:

»Manchmal habe ich hier an Potsdam gedacht und Sanssouci; hier ist ja alles größer und glänzender, daheim aber ist es voll lieber Anmut –«

»Ja, Majestät, die Scholle, auf welcher unsere Wiege stand, bleibt immer die schönste,« erwiderte Bismarck, »und sie lieben wir unvergessen, und für sie setzen wir unser bestes Blut ein.«

»Das kann der Mann; die Bestimmung der Frau ist anders, zumal die der Fürstin. Ihr gibt das Geschick oft eine neue Heimat, die ihr von Gottes und Rechts wegen an das Herz wachsen muß, und es kann dann für sie nichts herber sein, als wenn ihr Herz in Zwiespalt kommt, mit den leidigen Erwägungen der Politik. Ich und der Kaiser nicht minder, wir haben uns gefreut, daß Preußen im Krimkriege Neutralität bewahrte, und dafür sind wir Ihnen ganz besonders dankbar, lieber Bismarck.«

»Ich habe dabei lediglich das Beste für Preußen im Auge gehabt, Majestät, genau so, wie ich es in der gegenwärtigen Verwicklung zwischen Österreich und Italien halte.«

»Sie meinen nicht, daß es für Preußen richtig sei, zugunsten Österreichs zu intervenieren?«

»Wenn wir hier eingreifen, so wird das für uns gleichbedeutend damit, daß wir Österreich den Krieg abnehmen und uns für dasselbe opfern. Mit dem ersten Schuß am Rhein wird der deutsche Krieg die Hauptsache, weil er Paris bedroht. Österreich bekommt Luft, und wird es seine Freiheit benutzen, um uns zu einer glänzenden Rolle zu verhelfen? Wird es vielmehr nicht dahin streben, uns das Maß und die Richtung unserer Erfolge so zuzuschneiden, wie es dem spezifisch österreichischen Interesse entspricht? Und wenn es uns schlecht geht, so werden die Bundesstaaten von uns abfallen wie welke Pflaumen im Winde, und jeder, dessen Residenz französische Einquartierung bekommt, wird sich landesväterlich auf das Floß eines neuen Rheinbundes retten.«

»Sie mögen recht haben, und haben auch den schärferen Blick für die Verhältnisse – ich möchte nicht so düster sehen, aber wir Frauen sind Gefühlspolitiker. – Doch schauen Sie!«