Die hohe Frau deutete mit der Rechten hinaus auf das Landschaftsbild, wo über der See die Sonne unterging. Ein rötlicher Schimmer lag über den blinkenden Wasserspiegeln, heller hoben sich die Häuser der Residenz, die schweren Gebäudemassen von Kronstadt vom Horizonte ab.

»Es hat doch jedes Land seine wunderbaren, ihm eigentümlichen Schönheiten – das Bild ist einzig, Majestät!«

»Dies Bild hat seinen eigentümlichen Reiz. – Gewiß, aber Petersburg selbst ist eine moderne Großstadt wie die meisten anderen. Wenn Sie ein eigenartiges Stadtbild sehen wollen, müssen Sie nach Moskau fahren. Moskau ist Rußland, das alte, starre, halbasiatische Rußland. Den Genuß lassen Sie sich nicht entgehen. Und jetzt eben wäre die beste Reisezeit; wenn Ihre Geschäfte es gestatten, würde ich Ihnen sehr dazu raten, lieber Bismarck.«

Und nun plauderte die Kaiserin so heiter und geistvoll von der alten Russenstadt, daß ihr Zuhörer sich ganz in die seltsamen Bilder versenkte, welche sich vor seinem Geiste entrollten, und entschlossen war, bereits in der nächsten Zeit nach der Stadt aufzubrechen, welche einst dem großen Napoleon zu fürchterlichem Verhängnis geworden war.

Es war zu Anfang des Juni, als er seinen Vorsatz ausführte.

Der Sonnenschein lachte in die Fenster des Kupees herein und lag draußen über dem grünen Lande, als er abfuhr; die Tage brachten eine beinahe unbehagliche Wärme, und da die Gegend anfing einförmig zu werden mit ihren weiten, grünen Ebenen, Sumpfgeländen und Birkenwäldchen, zwischen welchen keine Stadt, ja, selten ein Dorf das Vorhandensein von Menschen bekundete, gab sich der Reisende dem Behagen des Schlafes hin.

Als er am nächsten Morgen erwachte – es war hinter der Station Twer – und durch das Fenster blickte, glaubte er seinen Augen kaum trauen zu dürfen; im Frührot schimmerte weithin auf der Ebene der Schnee!

Und weiter rollte der Zug und hielt endlich im Bahnhofe in Moskau, der heiligen Stadt der Russen. Feiner Regen sickerte nieder, als er durch die Straßen fuhr, und der Schnee war wieder verschwunden. Bismarck stieg im Hotel de France ab, und nachdem er von hier aus einen brieflichen Gruß an Frau Johanna geschickt hatte, machte er sich daran, die wunderliche Stadt kennen zu lernen, in welcher Europa und Asien sich gleichsam die Hand reichen, und die einen seltsamen Zauber auf jeden Besucher ausübt. Das Aussehen von Moskau ist seit dem großen Brande im Jahre 1812 sehr zu dessen Vorteil verändert, aber auch in der Erneuerung ist man dem alten Stil treu geblieben in der Anlage der meist gekrümmten Straßen und in der Mischung aller Bauarten der Welt. Von freier Höhe sah Bismarck die Stadt unter sich liegen mit ihren grünen Dächern, ihren zahllosen grünen Kirchenkuppeln, ihren prunkenden Palästen; zwischendurch windet sich das glitzernde Band der Moskwa, an deren linkem Ufer das Kapitol der Stadt, der Riesenbau des Kreml mit seinen 32 Kirchen und zahlreichen Palästen, sich erhebt, überragt von dem achteckigen »Iwan Weliki«, über dessen zwiebelförmiger Kuppel das hohe, vergoldete Kreuz weithin leuchtet im Sonnenglanz. Es war ein Städtebild von überwältigender Großartigkeit und einem märchenhaften Reiz.

Auch die Umgegend der Stadt wurde durchstreift, dem Schlosse Petrowski, das nach dem großen Brande Napoleon zum Hauptquartier gedient hatte, ein Besuch abgestattet und zwischen Dörfern und Fabriken weit hinausgeschweift in die wellenförmige, fruchtbare Ebene, bis sie in die weite, wüste Steppe übergeht.

Aber für die mannigfachen Genüsse dieser Reise mußte Bismarck büßen. Nach Petersburg zurückgekehrt, erkrankte er an einem rheumatischen Leiden, das sich immer mehr steigerte, und so lag er in seinen Schmerzen fern von der Heimat und von seinen Lieben, an welche er mit Sehnsucht dachte, und ließ sich von den russischen Ärzten Schröpfköpfe aufsetzen und mit spanischen Fliegen quälen, bis seine gute Natur wenigstens einigermaßen ihn auf die Beine brachte, so daß er imstande war, am 28. Juni nach Peterhof hinauszufahren zu der Kaiserin-Mutter, welche über sein Aussehen erschrak.