»Aber Sie müssen Urlaub nehmen, lieber Bismarck, und einige Zeit in der Heimat zubringen. O, die Luft der Heimat und der Hauch der anmutigen Häuslichkeit tun Wunder. Ihre Frau wird recht in Sorge um Sie sein!« sagte die gütige Zarin.

Bismarck erwiderte:

»Um den Urlaub habe ich bereits nachgesucht, Majestät, und was Frau Johanna betrifft, so hat sie gottlob keine Ahnung, wie man mir hier zugesetzt hat – sie weiß nur etwas von meinen üblichen Hexenschüssen.«

»Sie sind ein guter Gatte – aber Frau Johanna verdient einen solchen nach allem, was ich von ihr weiß. Grüßen Sie dieselbe herzlich von mir.«

Nach einiger Zeit brach er nach Deutschland auf. Angenehm war das Reisen nicht. Bis Dünaburg ging es an, weil im Eisenbahnkupee doch noch einigermaßen Bequemlichkeit zu erreichen war. Von dort aus nach Königsberg aber ging es zu Wagen weiter, und Bismarck merkte schon während der Fahrt, daß das Leiden sich mit erneuter Heftigkeit eingestellt hatte.

So kam er in Berlin an, ein kranker Mann, und der Arzt war beinahe der erste, welcher ihm seinen Besuch im Hotel d’Angleterre abstattete. Zumal mit dem linken Beine sah es schlimm aus. Hier hatte er eine Erinnerung an seine schwedischen Jagdfahrten sitzen, wo er sich bei einem Falle am Schienbein verletzt hatte – und hier rumorte nun der Rheumatismus am heftigsten, so daß die verordnete Jodtinktur nicht nur nicht wirkte, sondern, wie es schien, das Übel noch verschlimmerte.

Da blieb denn nichts anderes übrig, als den besten Arzt herbeizurufen. Dieser trat denn auch, eben aus Pommern angekommen, in die Krankenstube und brachte Sonnenschein und eine heilende Hand mit. Es war Frau Johanna. Sie machte dem Gemahl zärtlich besorgte Vorwürfe, daß er nicht früher ihr von seinem Zustande Mitteilung gemacht hatte; der aber war glücklich, als er sie bei sich hatte, und als sich auch ohne Jodtinktur durch ihre sorgsame Pflege, durch ihr klares, heiteres Wesen, durch ihre Umsicht und ihr Geschick sein Zustand bald so besserte, daß er daran denken konnte, nach dem Bade Nauheim zu gehen.

So kam der September, und der Prinzregent rief ihn nach Berlin, wo er, obgleich von der Jodvergiftung noch nicht ganz erholt, doch seine Kraft dem Vaterlande zur Verfügung stellte, da es galt, den russischen Kaiser in Warschau zu begrüßen und ihn von dort nach Breslau zu begleiten zu einer Zusammenkunft mit dem Prinzregenten.

Am 16. Oktober reiste Bismarck von Berlin ab und hatte das Glück, unterwegs mit einem alten russischen General zusammenzutreffen, welcher ihn auf einer polnischen Station erkannt hatte. Die Wirtschaft hier an der russischen Grenze war für gewöhnliche Reisende nicht gerade ergötzlich: Die Polizeibehörde verlangte den Paß, die Zollbehörde begehrte Einsicht in das Gepäck, – so ein russischer General ist jedoch ein Gewaltherr, mächtiger als ein preußischer Gesandter, und Bismarck wurde nicht bloß aller Plackerei überhoben, sondern fuhr auch mit dem alten Herrn in dessen Extrazug weiter, noch dazu im kaiserlichen Salonwagen.

So ward Lagienki erreicht, wo einst Stanislaus August sich einen prächtigen Sommersitz erbaut hatte inmitten eines herrlichen, weit ausgedehnten Gartens, in welchem noch eine ganze Anzahl kleiner Paläste sich um das Schloß des Herrschers gruppieren.