Hier vergingen einige Tage in vergnügter Weise. Ein prächtiges Hoffest, bei dem Wald und Wasser märchenhaft schön beleuchtet war und das alte, prachtliebende polnische Blut seinen ganzen Glanz und seine volle Lebhaftigkeit entfaltete, sowie eine Jagd im Parke von Skierniewice hatten für Bismarck besonderes Interesse, und doch war er froh, als er über Breslau wieder in Berlin eintraf und von hier nach dem lieben, stillen Reinfeld fuhr.

Und wenn es denn nun wieder nach Rußland auf seinen Posten gehen sollte, so sollte er diesmal doch nicht allein reisen; seine Familie ging mit ihm an die Newa, und nun überkam ihn beinahe eine stille Sehnsucht nach dem Winterquartier in Petersburg; mit Frau Johanna und seinen Kindern zur Seite gedachte er auch den russischen Winter auszuhalten.

Er war mit den Seinen bereits in Elbing eingetroffen; da dachte er seines Freundes, des Herrn von Bülow, der nicht gar fern auf seinem Gute Hohendorf saß, und diesen suchte er auf. Es war nur ein kurzes Wiedersehen geplant, aber das Geschick fügte es anders. Er erkrankte hier auf Hohendorf an einer schweren Lungenentzündung, und wieder hatte Frau Johanna mit ihrem besorgten Herzen alle Hände voll zu tun, um den teuren Mann zu pflegen.

Für diesen Winter war an die Petersburger Reise nicht mehr zu denken. Am behaglichen Kamin zu Hohendorf saß der langsam Genesende, stocherte nach seiner Gewohnheit in der zuckenden Flamme, freute sich, daß er wenigstens die Seinen bei sich haben konnte, und plauderte mit seinem Freunde über die politische Lage, die ihm ganz leidlich behagte.

Der österreichisch-italienische Krieg war vorüber, Preußen hatte sich dabei nichts vergeben, sondern in würdiger Weise seine Stellung gewahrt, ja, es war durch die Verhältnisse in den Stand gesetzt, näher an die eigentliche deutsche Frage herantreten und eine Reorganisation des deutschen Bundes ins Auge fassen zu können.

Der Rekonvaleszent auf Hohendorf freute sich, daß die Dinge still für sich weiterreiften, ohne damals zu ahnen, daß er selbst die letzten entscheidenden Worte dabei sprechen und die entscheidenden Taten dafür tun sollte.

Es kam wiederum der Frühling; der Mai streute seine Blüten durch das deutsche Land, und nun konnte Bismarck erst daran denken, mit seiner Familie auf seinen Posten abzureisen.

Am 5. Juni rollte der Wagen durch die russische Residenz, welcher den preußischen Gesandten und die Seinen nach dem englischen Kai führte, wo er im Hause der Gräfin Stenbock schon im vorigen Jahre eine entsprechende Wohnung gemietet hatte. Sie war weit und geräumig, und wenn auch die Möbel darin abgenutzt und »ruppig« schienen, bald ging auch durch diese Räume wie einst in Frankfurt der Hauch einer Gemütlichkeit und eines vornehmen Behagens, wie es hier an der Newa vielleicht einzig dastand.

Der Sommer und Herbst vergingen. Besuche und Jagdfahrten unterbrachen das Petersburger Leben in angenehmer Weise. Auf Peterhof hatte Bismarck zum letztenmal am 1. Juli 1860 die liebenswürdige Kaiserin-Mutter besucht – sie starb bald darauf – und er behielt die hohe Frau in freundlichstem Gedenken. Auf der Wende von Herbst und Winter aber begannen die Jagden. Da gab es noch Bären und Elche in den russischen Wäldern, und für den Weidmann war es eine Lust, im dicken, kurzen Jagdpelz und mit den hohen Juchtenstiefeln durch Gestrüpp und Schneehalden zu waten nach köstlicher Beute.

Der Winter aber rückte einen freundschaftlichen Kreis näher aneinander. In den hohen, weiten Räumen flimmerte der Lichtglanz, behagliche Wärme durchflutete die Gemächer, und im Speisezimmer saßen liebe Gäste: Der gute Graf Kaiserlingk, der einst in Berlin den Studiosus Bismarck mit Beethovenschen Sonaten erfreut, und welcher jetzt die Würde eines Kurators der Universität Dorpat bekleidete, die preußischen Gesandtschaftsmitglieder General von Loën und Legationsrat von Schlözer, der russische Hauptmann von Erckert und andere.