Zu derselben Zeit war übrigens bereits eine neue bedeutsame Aktion im Gange. Im Herbste 1863 war der König von Dänemark gestorben, und da sein Nachfolger damit umging, die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein gegen alles Recht seinem Staate einzuverleiben, nahm sich der deutsche Bund der Bedrängten an. Bismarck aber hatte mit weitschauendem Blicke erwogen, ob nicht eine Erwerbung dieser deutschen Ländergebiete für Preußen möglich sei, und so setzte er durch, daß Österreich und Preußen gemeinsam den Krieg gegen Dänemark führten. Und er wurde, trotzdem das Abgeordnetenhaus dem Ministerpräsidenten die Mittel verweigerte, entschieden und glücklich geführt, und endete damit, daß Schleswig-Holstein an Österreich und Preußen abgetreten wurde. Nun handelte es sich darum, wie es mit der Verwaltung beziehungsweise Regierung in den Herzogtümern werden sollte, und Bismarck war fest entschlossen, hier in keiner Weise sich von Österreich übervorteilen zu lassen. Noch lag auf Preußen »die Schmach von Olmütz«, und diese mußte gesühnt werden.
Es war im Hochsommer des Jahres 1865. Auf einer freundlichen, von Tannen umgrünten Höhe in dem herrlichen Badeorte Gastein liegt ein im Schweizerstil mit vorspringendem Dach und Holzveranden versehenes einfaches Haus, die Villa Hollandia, und hier war es, wo in den Augusttagen des genannten Jahres, in einer einfachen Stube, deren Fenster hinaussahen auf die grünen Föhren, eine Anzahl Staatsmänner in ernsten Verhandlungen sich zusammenfanden. Das Geschick von Schleswig-Holstein sollte entschieden werden. Heiß wurde hin und her gesprochen, während der Regen draußen tagelang niedersickerte und ab und zu den Ausblick verhüllte. Endlich erreichte Bismarcks Festigkeit und imponierende Ruhe, daß ein Vertrag vereinbart wurde, wonach Österreich über Schleswig, Preußen über Holstein Hoheitsrechte ausüben und Preußen gegen eine Abfindungssumme von 2½ Millionen das Herzogtum Lauenburg besitzen solle. Dabei gab es noch manche Nebenbestimmungen, welche Preußen wichtige Rechte auch für Holstein sicherten.
Am 20. August unterzeichneten in Salzburg die beiden Monarchen den Gasteiner Vertrag, und nicht lange danach verlieh Kaiser Franz Josef Bismarck den St. Stephanusorden, sein König aber zeichnete ihn durch den hohen Orden vom Schwarzen Adler aus und erhob ihn in den Grafenstand.
Aber die so geschaffenen Zustände in den Elbherzogtümern waren unhaltbar. Österreich begünstigte in Holstein die preußenfeindlichen Bemühungen des Herzogs von Augustenburg, Bismarck protestierte dagegen, von Wien aus erfolgte eine scharfe, abweisende Antwort, und so spitzte sich die Spannung zwischen Österreich und Preußen immer mehr zu. In Österreich begann man bereits militärische Maßregeln zu treffen, und auch Bismarck blieb nicht müßig. Er sicherte dem Staate einen Bundesgenossen in dem Königreiche Italien und wußte sich auch der eventuellen Neutralität Napoleons zu versichern, und nun mochte es zum Äußersten kommen. Einmal mußte doch die Führerschaft über Deutschland mit Blut und Eisen entschieden werden.
Im eigenen Lande aber verstand und würdigte man seine kühnen Pläne nicht, schalt ihn einen Friedensstörer und bekämpfte ihn mit gehässigen Verleumdungen, so daß zuletzt geradezu der Fanatismus gegen ihn entfesselt wurde.
Es war am 7. Mai 1866 um die fünfte Nachmittagsstunde. Bismarck kam aus dem königlichen Palais, wo er Vortrag gehalten hatte, und schritt sinnend, langsamen Schrittes die Straße »Unter den Linden« entlang. Er erwog die eiserne Notwendigkeit der Entscheidung mit den Waffen, zu welcher sein friedliebender Monarch sich noch immer nicht entschließen mochte, und so hatte er weder ein Auge für den beginnenden Frühling in den jungbegrünten Bäumen, noch für die Menschen, welchen er begegnete.
So kam er bis in die Nähe des russischen Botschaftshotels. Da hörte er plötzlich rasch nacheinander hinter sich zweimal einen kurzen Knall und fühlte beinahe gleichzeitig einen Schmerz in der Seite. Er wandte sich schnell um, und siehe, ganz nahe hinter ihm stand ein junger Mann, der mit dem Revolver in seiner Rechten gerade nach ihm hinzielte. Blitzschnell sprang er zu und faßte nach der Hand des Attentäters sowie nach dessen Kehle. Da ging der Schuß los und streifte den Minister an der Schulter; ehe es dieser versah, hatte der freche Angreifer auch schon die Waffe in die Linke genommen und feuerte noch zweimal aus unmittelbarster Nähe auf Bismarck; der eine Schuß fehlte, der andere aber traf eine Rippe, und der Getroffene fühlte den erschütternden Schlag so gewaltig, daß ihn die Besinnung zu verlassen drohte. Aber er bezwang sich mit eiserner Gewalt und hielt den Menschen fest. Das alles war wie in einem einzigen Augenblicke geschehen, und jetzt erklangen ganz nahe Weisen eines militärischen Marsches. Ein Bataillon des zweiten Garderegiments zog mit klingendem Spiele vorüber. Offiziere und Soldaten sprangen heran, und wenige Minuten später wurde der Attentäter gefangen abgeführt.
Der Minister atmete einigemal tief auf; über ihm lacht der blaue Lenzhimmel, um ihn bewegt sich die geschäftige Welt wie vordem, und die Klänge des fröhlichen Marsches schlagen noch immer an sein Ohr – und doch hat er in Minuten Großes erlebt. Er schritt langsam, aber von dem seltsam erhebenden Gefühl des göttlichen Schutzes erfüllt, weiter, und in seiner Wohnung in der Wilhelmstraße stieg er bereits völlig ruhig die Treppen hinan und begab sich nach seinem Arbeitsgemache, um vor allem seinem König die aufregende Meldung von dem Geschehenen zu machen.
Dann wechselte er den Anzug und begab sich in den Salon seiner Gemahlin. Er traf hier Gesellschaft, Damen und Herren, und begrüßte sie in seiner gewohnten liebenswürdigen Weise, indem er scherzend, zu Frau Johanna gewandt, beifügte:
»Warum essen wir denn heute gar nicht?«