Dann schritt er auf eine der Damen zu, um sie zu Tisch zu führen, und dabei fand er Gelegenheit, indem er seine Gemahlin leicht auf die Stirne küßte, ihr zuzuflüstern:
»Mein Kind, sie haben auf mich geschossen, aber sei ruhig, es ist nichts!«
Die Gräfin erbleichte, und ein banger Schauer ließ sie einen Augenblick erbeben – da war das Ereignis nicht länger zu verheimlichen. Eine gewaltige Erregung bemächtigte sich der Gäste, schreckensvolle Fragen, ängstliche Ausrufe klangen durcheinander, aber mit ruhigem, verbindlichem Lächeln bat der Minister die Herrschaften, sich zu Tisch zu begeben. Nun erzählte er kurz, wie sich alles zugetragen, und dann aß er mit solcher Ruhe, als ob er von einem Fremden berichte, während seine Gemahlin sowie die Gäste nicht imstande waren, sich um die aufgetragenen Speisen zu kümmern.
Man hatte den Arzt rufen lassen, der rasch genug zur Stelle war und nach seiner Untersuchung die Erklärung abgeben konnte, daß die erhaltenen Verletzungen durchaus leicht und unbedenklich seien.
»Bei fünf Schüssen aus solcher Nähe,« sagte einer der Anwesenden – »das ist wunderbar.«
»Gewiß,« erwiderte der Arzt – »hier gibt es eben nur eine Erklärung – Gott hat seine Hand dazwischen gehabt.«
Es war wahrlich kein ruhiges Diner, das an jenem Maitag im Ministerhotel in der Wilhelmstraße abgehalten wurde. Die Kunde von dem Attentat hatte sich mit ungeheurer Schnelligkeit verbreitet, und zu Wagen und zu Fuß kamen jetzt die hochgestelltesten Persönlichkeiten der Hauptstadt, um ihre Glückwünsche auszusprechen.
Allen voran war König Wilhelm gekommen. Bismarck war dem teuren Herrn entgegengeeilt, und in einem stillen, einsamen Gemache standen die beiden allein sich gegenüber. Tief ergriffen schaute der Herrscher seinem treuesten Diener in die Augen, drückte ihm die Hände und zog ihn an sich wie einen lieben Freund, Bismarck aber konnte auf die gütigen Worte nur eines erwidern:
»Mein Leben gehört Eurer Majestät zu jeder Stunde, ob ich für Sie sterbe auf dem Schlachtfelde oder durch die Hand eines Mörders!«
Prinzen, Minister, Gesandte der fremden Mächte drängten sich in den nächsten Stunden herbei, um ihre Teilnahme und ihre Freude auszudrücken, und ehe sich noch der Abend niedersenkte in die Straßen der Residenz, strömten auch die Scharen des Volkes in der Wilhelmstraße zusammen, um ihre Grüße und Wünsche dem wunderbar Geretteten darzubringen. Der Haß gegen ihn schien wie hinweggewischt, all die Tausende, welche hier durcheinanderwogten, und stürmisch ihn zu sehen verlangten, empfanden jetzt vielleicht einen Hauch seines patriotischen, opferbereiten Geistes, und als er an das Fenster trat und die jubelnden, begeisternden Zurufe der Menge an sein Ohr schlugen, da wurde die Seele des gewaltigen Mannes wundersam ergriffen, da hatte er noch fester die Überzeugung, daß der Weg, welchen er gehe, der rechte sei.