Erst die Nacht brachte Ruhe in die Bewegung; im Ministerpalais in der Wilhelmstraße schloß Bismarck sein Tagewerk mit einem stillen Dankgebet und mit dem Gedanken, daß der Himmel selbst ihm ein Zeichen gegeben, daß er ihn schützen wolle bei allem, was er für des Vaterlandes Ehre unternehmen würde … und zur selben Stunde beinahe, in welcher er mit dem Frieden eines guten Gewissens sein Lager aufsuchte, hatte sich der frevelhafte Attentäter, der fanatische Karl Cohen, mit seinem Taschenmesser die Pulsader durchgeschnitten. Er war am anderen Morgen eine Leiche.
Jetzt mochten die Würfel weiterrollen, er wollte und mußte die gerechte Sache, die er begonnen, fortführen. Und die Ereignisse gingen nun schnell genug. Österreich selbst drängte der Katastrophe entgegen. Mit Verletzung des Gasteiner Vertrags überwies der Kaiser die Entscheidung über Schleswig-Holstein dem deutschen Bund, berief die holsteinsche Ständeversammlung, und als Preußen, um sein Mitbesitzrecht zu wahren, Truppen in Holstein einrücken ließ, stellte er beim deutschen Bunde den Antrag, gegen Preußen das Bundesheer mobil zu machen.
Das geschah am 11. Juni 1866. Und nun kam das Ende der morschen, kraftlosen deutschen Bundesversammlung.
Am 12. Juni fand die Abstimmung statt; mit 9 Kurialstimmen gegen 6 wurde die Bundesexekution gegen Preußen beschlossen, dessen Gesandter nunmehr im Namen seiner Regierung den Bund als zerrissen erklärte mit dem Beifügen, daß dieselbe auf besseren Grundlagen einen neuen zu errichten bemüht sein werde.
Nun mußte die Entscheidung durch die Waffen kommen. Eine fieberhafte Erregung ergriff die Gemüter, zumal in der Hauptstadt. Tag und Nacht arbeitete Bismarck, der Telegraph spielte ununterbrochen und trug seine Botschaften weit hinaus ins Land: Der König rief sein Heer.
In jenen Tagen saß der Minister einst im Vorzimmer des Herrschers. Dieser war noch mit seinem kriegerischen Beirat in ernsten Verhandlungen begriffen, welche sich außergewöhnlich in die Länge zogen. Stille war rings um den Staatsmann, der Tag war heiß, die Nacht arbeitsvoll gewesen. Da sank ihm langsam das Haupt auf die Brust, die Natur machte auch an dem Gewaltigen ihr Recht geltend – er schlummerte ein. Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür des königlichen Arbeitszimmers, und heraus trat ein Mann in Generalsuniform, eine Mappe in der Hand. Er war weder sehr groß noch sehr kräftig, aber aus dem bartlosen Gesichte mit den scharfgeschnittenen, geistvollen Zügen sahen ein paar klare, kluge Augen, und um den schmalen Mund lag das Gepräge unerschütterlicher Ruhe und Festigkeit.
Das war Moltke, der große Generalstabschef, die Seele der Schlachten, der schweigende Kriegesdenker.
Er sah den Minister etwas wenig zusammengesunken in seinem Stuhle sitzen, und es überkam ihn beinahe eine Wehmut. »Er hat so viel gewacht für König und Vaterland« – dachte er – »wie gern gönnt’ ich ihm den Schlummer – aber es darf nicht sein!«
Leise berührte er Bismarcks Arm, dieser öffnete die Augen, sprang empor, und eingedenk der Situation drückte er dem anderen warm die Hand und schritt hinein in das Arbeitsgemach des Königs.
In den Junitagen begann der Bruderstreit.