Bei Langensalza wurde das Heer der Hannoveraner samt seinem König gefangen, und in Böhmen geschahen die ersten siegreichen Gefechte. Eine bange Erwartung lag über den Straßen Berlins, so schwül wie das sommerheiße, gewitterbange Wetter. Da brachte der Telegraph die ersten Siegeskunden. Am 29. Juni ging ein Wogen und ein Treiben, belebter als sonst, durch die Straßen der Hauptstadt. Unter den Linden vor dem Palais des Königs staute sich die Menge, begeisterter Zuruf klang hinauf zu den Fenstern, und in das stürmische Jauchzen schollen die Klänge der Vaterlandsweisen, welche zuletzt übergingen in das machtvolle Streit- und Siegeslied Martin Luthers: Ein’ feste Burg ist unser Gott!
Es waren Stunden einer gewaltigen Erhebung und Bewegung; aber die Menge hatte auch den Hauch jenes Geistes gefühlt, der von der Wilhelmstraße herkam, und Bismarck, der »Bestgehaßte«, wurde mit einem Zauberschlage der Bewunderte und Gefeierte. Die Volksmenge wälzte sich in dichtem Strome nach seiner Wohnung; die breite Straße vermochte sie nicht zu fassen alle die Tausende, die nach ihm riefen und ihm ihre Freude und Verehrung ausdrücken wollten. Dunkle Wetterwolken schwankten am Himmel, glutheiß lag es in der Luft – da trat Bismarck an das Fenster. In den Jubelsturm der Menge dröhnte ein langhallender Donner, der einem Blitze folgte, welcher mit seinem bläulichen Schein das bewegte Bild erhellt hatte – dann wurde es still, und Bismarck redete, kurz und klar, ergriffen und ernst, und als er mit einem Hoch schloß auf den König, da schien die Straße zu erbeben unter der Gewalt der Begeisterung.
Und wieder am Himmel ein flammender Blitz, ein schweres Rollen des Donners, und Bismarck rief:
»Der Himmel schießt Salut zu unseren Siegen!«
Einen Tag später war er mit seinem Könige auf dem Wege ins Böhmerland.
Neuntes Kapitel.
Im böhmischen Feldzuge.
Ein trüber Himmel breitete sich über der böhmischen Stadt Gitschin aus, und ab und zu sickerte der Regen nieder in die grauen Gassen. Der stille Ort sah an jenem 2. Juli hohe Gäste, wenn er sie auch freilich nicht willkommen hieß. Der König war mit Bismarck, Moltke, Roon und anderen hier eingetroffen, und traf von hier aus die Verfügungen für den nächsten Tag – den Tag der Entscheidung. Bismarck wußte, was von diesem abhing, und während in schweigender Nacht die Ordonnanzen auf allen Wegen hinjagten und der Regen klingend gegen die Fenster schlug, fand er lange keinen Schlaf. Er hatte in den Lazaretten an den Betten der Verwundeten gestanden und hatte mehr als irgendeiner empfunden, wie die Verantwortung für dies vergossene Blut und für diese Schmerzen auf ihm ruhe, und er dachte seines Königs, dem er aus treuester Überzeugung zu diesem Kampf raten mußte, und endlos lang dehnte sich die trübe Sommernacht.
Am frühen Morgen folgte der Aufbruch. Noch immer weinte es aus den grauen Wolken nieder, als die offenen Wagen, in deren erstem der König mit Moltke, im zweiten Bismarck mit dem Geheimen Legationsrat von Keudell saßen, durch Gitschins Straßen hinausrollten gegen Sadowa. Drei Stunden später – es war 8 Uhr morgens – hielt der König auf seiner Rappstute, von seinem Gefolge umgeben, auf der Höhe von Dub und sah hinaus in die Ebene von Königgrätz, und der begeisterte Zuruf der Soldaten mischte sich mit dem Dröhnen der Kanonen … Die schwere, entscheidende Schlacht war im Gange.
Unfern von seinem König hielt auf seiner kräftigen Fuchsstute Bismarck. Nebel und Pulverdampf wogen auf dem Walfelde durcheinander und verhüllen oft die Bewegungen der Truppen, langsam gehen die furchtbaren Stunden, und es ist um die Mittagszeit. Das preußische Heer ist in der Minderzahl, und seine Führer spähen besorgt gegen Nordwesten aus, von woher die Armee des Kronprinzen, die sehnlich erwartete, eintreffen sollte.
Der schweigsame Schlachtenlenker Moltke aber sitzt wie aus Erz gegossen auf seinem Pferde; sein Gesicht ist ruhig, und klar und sicher schauen die hellen Augen auf die wogende Schlacht. Bismarck reitet an ihn heran; er zieht sein Zigarrenetui heraus und reicht es geöffnet dem großen Strategen hin. Der sieht auf die beiden Zigarren, welche es enthält, mit einem prüfenden Blicke, dann greift er langsam nach der einen. Über die Züge des Ministers fliegt es wie ein leises Lächeln, er reitet zu seinem König zurück und spricht zu diesem: