Der König sah gerührt den Treuen an, reichte ihm die Hand und ritt langsam weiter, viel zu langsam für den besorgten Begleiter, der seine Erregung nicht mehr bezwingen kann und mit seiner Stiefelspitze das Pferd des Herrschers in die Flanke stößt, daß es rascher ausgreift.
Die Entscheidungsschlacht war zu Ende – Bismarck sah am Abend auf einen der gewaltigsten Tage in der Geschichte Preußens zurück. Der Abend senkte sich auf das blutige Gefilde, Verwundete und Sterbende stöhnten ringsum, und das Grauen schritt über das furchtbare Feld. Da sah Bismarck, wie er so dahinritt, einen Dragoner zur Seite des Weges liegen. Beide Beine waren dem Unseligen zerschossen, der regungslos dalag und nur mit einem unsäglich bittenden Blick nach dem Reiter schaute. Diesem tat der Jammer des Unglücklichen weh, er stieg vom Pferde und trat an ihn heran. Gern hätte er ihm eine Linderung oder Erquickung angedeihen lassen, er suchte in allen Taschen – aber er fand nichts. Da stieß er mit der Hand an sein Zigarrenetui. Noch eine Zigarre lag darin, sie sollte ihm selbst ein Labsal sein nach den Anstrengungen und Aufregungen des Tages – aber der arme Teufel mit seinen zerschossenen Beinen brauchte ein solches mehr, und rasch entschlossen zog er seinen Schatz hervor, rauchte das duftende Kraut an und steckte es dem Verwundeten zwischen die Zähne. Aus den Augen des Soldaten aber leuchtete ein Blick unsäglicher Dankbarkeit, welchen Bismarck nicht vergessen konnte, und besser hat ihm, nach seinem eigenen Geständnis, keine Zigarre geschmeckt als diese, welche er – nicht geraucht hatte.
Vorwärts ging es, hinein in die sinkende Sommernacht, in Verfolgung des geschlagenen Gegners, und der Ministerpräsident kam bis hart vor die Laufgräben der Festung Königgrätz. Dann ritt er zurück, um sich ein Nachtquartier zu suchen. Seinen König hatte er untergebracht, wenn auch nicht besonders bequem; auf einem harten Sofa hatte derselbe ein Lager gefunden, nun galt es, für sich selbst ein Plätzchen zu finden, wo das müde Haupt ruhen konnte.
Die Nacht war dunkel und kühl, der Regen rann noch immer in dünnen Strähnen, und in dem Städtchen Horic waren alle Lichter längst erloschen, als Graf Bismarck durch die engen und schlechtgepflasterten Straßen ging. Er pochte da und dort an den Türen – niemand hörte, nur das Bellen verschlafener Hunde klang durch die Stille. Unmutig schlug er gegen die Fenster, daß die Scheiben splitterten – alles vergebens, das kleine Nest war wie ausgestorben.
Endlich fand er in der Dunkelheit einen Torweg, durch welchen er in einen Hofraum hineintappte. Im schmutzigen, weichen Boden sank der Fuß tief ein, endlich verlor er fast völlig den Grund und sank nieder auf das zwar nicht harte, aber sehr übelriechende Bett eines Düngerhaufens. Dreizehn Stunden war er im Sattel gewesen, seine Glieder waren wie zerschlagen, aber hier konnte er doch nicht bleiben. So raffte er sich aufs neue auf und suchte wieder die dunkle, unheimliche, stille Gasse auf und schritt bis auf den Marktplatz. In verschwommenen Umrissen standen die grauen Häuser da, dazwischen eine Art offener Halle. Dahin wandte sich Bismarck, und ob er auch die Überzeugung gewann, daß der Ort eigentlich zum Aufenthalt für Rinder bestimmt war, streckte er sich – froh, ein Dach über dem Kopfe und ein altes Wagenkissen unter demselben zu haben – auf die harten Fliesen aus und versank in Schlummer.
Aber noch einmal sollte er geweckt werden. Der Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg fand den Schläfer und beeilte sich, ihm in seinem eigenen Zimmer ein wenigstens einigermaßen behaglicheres Lager zu verschaffen.
In dem traurigen kleinen Horic befand sich in den nächsten Tagen auch das Hauptquartier des Königs, und hier traf in der Nacht zum 5. Juli eine Depesche Napoleons III. ein, welcher sich zum Friedensvermittler mit Österreich anbot und einen Waffenstillstand in Anregung brachte. Der König geriet darüber in heftige Erregung, Bismarck jedoch, der Mann der eisernen Selbstbeherrschung, fand auch hier die richtige Antwort. Den Frieden wollte er gleichfalls, nur mußte der Preis dafür ein entsprechender sein, und so erhielt der französische Kaiser die in bestimmter Form gehaltenen preußischen Vorschläge: »Österreich erkennt die Auflösung des alten deutschen Bundes an und widersetzt sich nicht einer neuen Organisation Deutschlands, an welcher es keinen Teil nimmt. Preußen bildet eine Union Norddeutschlands, welche alle Staaten nördlich der Mainlinie umfaßt. Die deutschen Staaten südlich vom Main haben die Freiheit, unter sich eine süddeutsche Union zu schließen. Die zwischen der nördlichen und südlichen Union zu erhaltenden nationalen Bande werden durch freies, gemeinsames Einverständnis geregelt. Die Elbherzogtümer werden mit Preußen vereinigt. Österreichs Integrität außer Venetien wird erhalten.«
Während die Verhandlungen noch schwebten, rückten die preußischen Truppen unaufhaltsam vor gegen die Kaiserstadt an der Donau, und wenn eine Besetzung derselben verhindert werden sollte, galt es für die beteiligten Mächte rasch zu handeln.
In Mähren liegt eine kleine Stadt, Nikolsburg mit Namen, überragt von einem stolzen Schlosse, dessen Warte stattlich ins Land hinaussieht; es ist Eigentum des Grafen Mensdorff und kam in den Julitagen des verhängnisvollen Jahres 1866 zu großer geschichtlicher Bedeutung.
Hier hatte König Wilhelm sein Hauptquartier, und hier fand sich am 18. Juli auch Graf Bismarck ein. Sinnend schritt er mit seinem Begleiter, dem Geheimen Legationsrat von Keudell, durch den Torbogen in den weiten, von stolzen Gebäuden umgebenen Hof, und wie er sein Auge darübergleiten ließ, sprach er: