»Mein altes Schönhausen ist doch nichts dagegen, dennoch ist mir’s lieber, daß wir hier bei Graf Mensdorff sind, als daß er jetzt bei mir wäre.«
In Nikolsburg fanden sich auch die Vertreter Österreichs und Italiens ein, und die Friedensverhandlungen begannen. Und hier brauchte es der ganzen geistigen Überlegenheit, der rückhaltlosen Tatkraft Bismarcks, um zu Ende zu führen, was er begonnen hatte. Friede wollte er haben, und er wollte ihn zum Abschluß bringen, trotzdem die Generale des siegreichen preußischen Heeres die Waffen noch nicht niederlegen wollten. Selbst der König schien jetzt kriegerisch gesinnt, und sein Ministerpräsident mußte auch ihm gegenüber seinen Standpunkt verfechten:
»Majestät, wir haben eine Höhe erreicht, von der aus die Wasser von selbst abfließen ohne Gewalt. Uns droht der Einfall der Franzosen in Süddeutschland, und ein neuer Kampf würde unsäglich viel Blut kosten, und die Cholera ist uns auf den Fersen. Ich kann die Verantwortlichkeit der Fortsetzung des Krieges nicht auf mich nehmen und müßte zurücktreten.«
Das verfehlte seine Wirkung nicht, und Bismarck erreichte bei seinem König auch die Zustimmung zu den meisten Einzelheiten seiner Friedensvorschläge, und während ein Waffenstillstand die bewehrten Gegner auseinanderhielt, ward in Nikolsburg auf den von Bismarck entworfenen Grundlagen weiter verhandelt. Am 26. Juli aber konnte der Meister der Politik sein Werk als fertig betrachten, und es war eines Meisters wert. Preußen sollte eine Vermehrung erfahren um die Gebiete von Hannover, Kurhessen, Nassau, Schleswig-Holstein und Frankfurt a. M. und eine ansehnliche Kriegsentschädigung. Dabei war Energie mit kluger Rücksichtnahme gepaart worden, der Weg zur Versöhnung mit dem Gegner war offen geblieben, das diesem verbündete Sachsen geschont worden, und worauf Bismarck sich viel zugute tun durfte – das alles war erreicht durch Preußens eigene Kraft, und fremde Einmischung war ferngehalten worden.
Wohl hatte Napoleon seinen Abgesandten Benedetti nach dem Kriegsschauplatze geschickt und einen Einfluß in die Friedensverhandlungen gewinnen wollen, aber es war nicht geglückt. Die Friedenspräliminarien waren fertig und brauchten nur noch unterzeichnet zu werden, da erschien Benedetti in Nikolsburg. Er ließ sich bei Bismarck anmelden, und dieser empfing ihn, obwohl ihn die Aufdringlichkeit des Franzosen unangenehm berührte, freundlich.
Der französische Gesandte sprach:
»Ich habe die Ehre, im Auftrage meines Souveräns Ihnen mitzuteilen, daß derselbe, wenn er seine Zustimmung zu einer ansehnlichen Vergrößerung Preußens geben solle, eine angemessene Entschädigung für Frankreich verlangen müsse. Sobald der Kaiser seine Vermittlerrolle in der preußisch-österreichischen Sache zu Ende geführt haben wird, wird er nicht verfehlen, sich mit der Regierung seiner Majestät des Königs von Preußen deshalb auseinanderzusetzen.«
Bismarck wurde von heißem Unmut erfaßt, aber zugleich auch von einem Gefühl der Befriedigung darüber, daß der Franzose zu spät kam. Sehr höflich, doch mit Festigkeit entgegnete er:
»Ich bedaure, Eurer Exzellenz bemerken zu müssen, daß amtliche Mitteilungen solcher Art heute durchaus nicht am Platze sind. Preußen hat die Vermittlung Frankreichs nicht gesucht und ist meines Erachtens um so weniger zu etwas verpflichtet, als der Friede bereits fertig ist ohne Intervention Ihres Souveräns und die Präliminarien noch in dieser Stunde unterzeichnet werden.«
Er wandte sich ab mit einer Verneigung gegen den verblüfften französischen Staatsmann und ging in sein Gemach. Die verhaltene Erregung brach nun bei ihm durch. Die Tränen schossen dem gewaltigen Manne aus den Augen, vor die er seine Hände preßte, ein Schluchzen erschütterte den starken Recken, der von einem Weinkrampf erfaßt, eine Zeitlang vergebens nach Fassung rang. Es war des Großen und Erschütternden selbst für ihn zuviel gewesen in jenen Julitagen des Jahres 1866.