»Das ist die öffentliche Meinung in Deutschland!« sagte Bucher und las aus hervorragenden Blättern einige Aufsätze Bismarck vor, der, die Arme auf den Stock gestützt, das Haupt vorgeneigt, ihn ruhig anhörte.
Nach einiger Zeit erhob er sich.
»Nun muß der Gutsherr in sein Recht treten. Auf Wiedersehen in einer Stunde. Hoffentlich bringt sie uns nichts Unangenehmes.«
Er ging langsam, gefolgt von der Dogge, nach dem Herrenhause zu, durchschritt hier einen langen, schmalen Korridor, und betrat am Ende desselben ein kleines Zimmer mit weiß getünchten Wänden und einem breiten Fenster, durch welches das volle Licht hereinfiel auf den einfachen Tisch und die daneben stehenden hohen Schränke, von welchen ausgestopfte Vögel herabschauten. Ein schwarzes Ledersofa, einige geschnitzte Stühle, altertümliche Glasgefäße auf dem breiten Kaminsims vervollständigen die Einrichtung des Gemachs, in welchem »der Gutsherr von Varzin« mit seinen Leuten verkehrt.
Da wartet schon mancher auf den großen Staatsmann, um mit ihm über Forstnutzung, Industrieanlagen, Gartenwirtschaft und dergleichen zu verhandeln, und eine Stunde ist rasch genug vorüber. Der letzte ist gegangen, aufatmend erhebt sich Bismarck und sieht nach der Uhr, – es ist Zeit zum Frühstück, und er wird wohl bereits erwartet.
Im Billardzimmer ist der Tisch gedeckt. Der große Raum sieht freundlich aus. Die Fenster gehen hinaus in das Grün des Gartens, an den Wänden hängen Bilder rheinischer Städte, die Möbel, teils gepolstert, teils mit braunem Schnitzwerk, sehen traulich und behaglich aus, die beiden Öfen mögen im Winter mit ihrem offenen Feuer die Gemütlichkeit des Raumes ganz besonders erhöhen, und das in einer Nische stehende Billard sowie der Flügel der Hausfrau lassen erkennen, daß der ernste Diplomat gerade hier manche Stunde verbringt, die ihm wohl Erholung und Zerstreuung bieten mag.
Hier ist er im Kreise der Seinen. Seine Gemahlin eilt ihm entgegen, seine Tochter, Komteß Marie, hängt sich an seinen Arm, seine Söhne grüßen ihn mit herzlicher Freundlichkeit, und bald sitzt er in seinem Lehnstuhl, aber noch immer ist es keine ungestörte Rast. Lothar Bucher hat ihm Briefe und Depeschen überreicht, ehe er sich mit an den Tisch setzte, und Bismarck öffnet und überfliegt die letzteren.
Ein Schatten zieht über sein Gesicht.
»Aus Ems. Benedetti sucht um eine neue Audienz nach bei dem König. Er wird die unverschämte Forderung seiner Regierung wiederholen; man hat die zweifellose Absicht, uns zu brüskieren.«
Da war das Gespräch ganz von selbst wieder bei der brennenden Tagesfrage, und Bismarck hatte zu tun, um die erregten Damen zu beruhigen. Er selbst nahm dabei das einfache Frühstück ein, das für ihn in der Hauptsache aus weichgekochten Eiern mit geröstetem Weißbrot, einer Schale Milch und etwas schwarzem Kaffee bestand. Nach Beendigung desselben sprach er: