»Aber nun ein halbes Stündchen ohne Politik! Laß uns einen Gang durch den Park tun, mein liebes Herz, ich muß dir drei junge Buchen zeigen, die aus einem Stamm herauswachsen, und die ich bisher noch gar nicht entdeckt hatte. Ich habe dabei unwillkürlich an unseren Wappenspruch denken müssen: In trinitate robur – in der Dreiheit die Stärke, und dann habe ich an unsere lieben drei gedacht! Komm, Marie, du mußt die Bäume gleichfalls sehen.«

Er reichte den beiden Damen den Arm, die Grafen Herbert und Wilhelm gingen hinterdrein. So schritten sie unter den stattlichen Bäumen des Parkes hin im lachenden Sommersonnenschein und vergaßen für eine kurze Zeit die Wetterwolken, die am westlichen Himmel Europas sich auftürmten.

Aber die kurze Spanne gemütlichen Behagens war bald vorüber, und Gattin und Tochter begleiteten Bismarck in sein Arbeitszimmer, in die Werkstätte des Diplomaten.

Ein großer, sechseckiger Raum von vornehmer Einfachheit. Eichenholzgetäfel in mehr als Manneshöhe zieht sich an den Wänden hin, und die Decke ist durch vortretende Eichenbalken in Quadrate und Dreiecke geteilt. In einem sechseckigen Erker sind drei schmale Fenster angebracht, an der Wand der Tür gegenüber ein breites. Nahe demselben steht der Schreibtisch aus Nußbaumholz mit blitzenden Messingbeschlägen an Türen und Schubladen. Auf der mit grünem Tuch überzogenen Platte befinden sich ein zweiarmiger Leuchter, mehrere verschieden geformte Briefbeschwerer, ein Schreibzeug, das aus dem Holze einer bei der Düppelstürmung eroberten Lafette geschnitzt ist, Federn und lange, dicke Bleistifte. Kleinere Tische, mit Büchern und Schriftstücken bedeckt, stehen da und dort, zwei Sofas laden zur Ruhe ein, im Erker steht ein kleiner Diwan neben einer Causeuse, und von hier schweift der Blick hinaus auf den blinkenden Spiegel eines kleinen Teiches, auf einen ferner liegenden Ruheplatz zwischen je einer stattlichen Eiche und Buche, und auf die wogenden Saatfelder, welche durch das dunkle Grün bewaldeter Hügel begrenzt werden. In einer abgestumpften Ecke aber steht das Prachtstück dieses Raumes, ein riesenhafter Kamin von nahezu vier Meter Breite und fünf Meter Höhe.

In dem Lehnstuhl am Schreibtische hat sich Bismarck niedergelassen, die Gräfin steht neben ihm, legt ihm zärtlich die Hand auf die Schulter und sagt mit einem besorgten Blick auf die sich häufenden Schriftstücke:

»Das wird dich wieder viele Anstrengung und Aufregung kosten, und du bist von deiner letzten Erkrankung noch nicht erholt!«

Der Kanzler des Norddeutschen Bundes lehnt sich behaglich in den Sitz zurück und spricht:

»Patriae inserviendo consumor! Das ist mein Wahlspruch, und du weißt, was es heißt: Im Dienste des Vaterlands will ich aufgehen! Und so schlimm wird es wohl nicht werden, wir Bismarcks sind aus altem märkischen Holze – das hält etwas aus.«

Er faßte nach der lieben Hand, die noch auf seiner Schulter lag, und streichelte sie, Gräfin Marie aber eilte herbei und brachte ihm die lange Pfeife.

»Danke, mein liebes Kind! Das ist auch ein Sorgenbrecher!«