Und drei Tage später leuchteten dieselben Sterne, aber in den stillen Frieden von Varzin trägt fast um die Mitternachtstunde der Telegraph eine erregende Mitteilung: Der König beruft seinen Ratgeber sogleich nach Ems!
Am nächsten Tage war Bismarck bereits in Berlin. Hier fand er gute Kunde: Der Prinz von Hohenzollern hatte, um nicht Veranlassung zu einer blutigen Verwicklung zu geben, freiwillig auf den Thron von Spanien verzichtet. Den Franzosen war der Vorwand zum Kriege genommen, beruhigt atmete der Kanzler auf und glaubte nun auch seine Reise nach Ems nicht beschleunigen zu müssen.
Da geschah das Unglaubliche. Benedetti trat in Ems vor den König mit der Forderung, daß er schriftlich sich verpflichten solle, niemals einen Hohenzollern auf dem Throne von Spanien zu dulden. Würdig und entschieden lehnte Preußens Herrscher die demütigende Forderung ab, einen Tag später reiste Benedetti ab, und abermals einen Tag später, am 15. Juli, beschloß die französische Regierung unter dem übermütigen Zujauchzen eines fanatisierten Volkes den Krieg.
An eben diesem Tage reiste auch der König Wilhelm nach Berlin, und was er auf seinem Weg sah und hörte, durfte ihm wohl die Seele erheben und befreien. So weit die deutsche Zunge klingt, bebten die Herzen vor Entrüstung über die französische Frechheit und Anmaßung, und in Millionen lebte nur ein Gedanke: dieselbe gebührend zurückzuweisen. Überall dieselbe Begeisterung, die gleichen Beweise der Liebe und Verehrung des einen deutschen Geistes:
Vergessen ist der alte Spahn,
Das ganze Volk ist eins!
Bismarck war mit dem Kronprinzen sowie mit Roon und Moltke dem König bis Brandenburg entgegengefahren. Bewegt reichte der Herrscher seinen Treuen die Hand, und weiter ging es der Hauptstadt zu. Durch ihre Straßen flutete das Volk in dichtem Gedränge; mit entblößten Häuptern stand es da, und während aus allen Fenstern die Tücher wehten zum Empfangsgruß, schwollen die begeisterten Zurufe immer lauter an, je näher die Wagen dem Schlosse kamen. Bis in die Nacht hinein erklangen brausende Vaterlandslieder, stürmische Hochrufe, indes aus dem bekannten Eckfenster des schlichten Palais der Lichtschimmer seinen freundlichen Gruß hinaussandte. Dort beriet der König mit seinen Getreuen, und ein Adjutant ersuchte das Volk im Namen des Herrschers um Ruhe. Da ging ein Empfinden durch all die Tausende; tiefstill ward es um das Standbild des großen Friedrich her, und lautlos ging die Menge auseinander.
In derselben Nacht flogen die Befehle zur Mobilmachung des Heeres durch alle Gaue Norddeutschlands.
Es kam der 19. Juli, der Todestag der unvergeßlichen Königsrose Luise. Vor 60 Jahren war sie heimgegangen, hinsiechend an der Not des Vaterlands, und nun sollte in ihrem Sohne ihr ein herrlicher Rächer erstehen. Vormittags fand im Dome ein feierlicher Gottesdienst statt in Gegenwart des königlichen Hofes, der Ministerien und der Abgeordneten. Unter diesen saß in der letzten Reihe die hagere Gestalt des Generals von Moltke so schlicht und bescheiden, als wäre ihm nicht gerade eine Hauptrolle bestimmt in dem gewaltigen historischen Drama, für welches jetzt der Segen des Himmels erfleht wurde, und von der Empore herab schaute Graf Bismarck ehern und ruhig auf die Andächtigen nieder. Nach dem Gottesdienst erfolgte die Eröffnung des Reichstags im Weißen Saale des Schlosses durch den König. Es waren erhebende, mächtig bewegende Worte, und tiefe Ergriffenheit erfaßte die Versammlung, als er schloß:
»Je unzweideutiger es vor aller Augen liegt, daß man uns das Schwert in die Hand gezwungen hat, mit um so größerer Zuversicht wenden wir uns, gestützt auf den einmütigen Willen der deutschen Regierungen des Südens wie des Nordens, an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des deutschen Volks mit dem Aufrufe zur Verteidigung seiner Ehre und seiner Unabhängigkeit.