Über Bar-le-duc ging es nach Clermont, einem kleinen Gebirgsstädtchen, wo das königliche Hauptquartier mit jenem der Maasarmee zusammenkam. In dem bescheidenen Schulhause wohnte der König, und in der Stube, in welcher sonst der Lehrer arbeitete, war das Gemach des Kanzlers, Arbeits- und Schlafzimmer zugleich. Eine Treppe höher in einem Saale war das Bureau eingerichtet. Über einem Sägebock und einer Tonne liegt eine ausgehobene Tür – das ist der Arbeitstisch, Kisten und Koffer bilden die wenig bequemen Sitze, flackernde Kerzen, die in leeren Weinflaschen stecken, werfen ein trübes Licht, und das Stroh an der Wand auf dem Boden ist die Lagerstelle. – Und in diesem Raume welch reges Leben, welch bedeutsame, hochwichtige Maschinerie! Da arbeiten die Legationsräte von Keudell, Graf Hatzfeld, Abeken, Graf Bismarck-Bohlen, und die Chiffreure, welche die Depeschen besorgen, da kommen und gehen die Feldjäger und Ordonnanzen, da läuft vom frühen Morgen bis in die Nacht ein Bericht nach dem anderen heraus und herein, und zwischen seinen Beamten erscheint ab und zu die Gestalt des Ministers im Interimsrocke der Landwehrreiter mit den gelben Aufschlägen, die Beine in den hohen Stulpenstiefeln, und gibt kurze und klare Anweisungen.

Und in einem nicht behaglicheren Raume des Schulgebäudes arbeitet der große Generalstab mit seinem schweigsamen Chef ernst, ruhig, klar und sicher weiter an seinem Werke, und von der Straße herauf schallt der Trommelschlag und die Marschmusik vorüberziehender Regimenter, und die wenigsten, die hier vorbeimarschieren, haben eine Ahnung, daß hinter den Fenstern dieses schlichten Hauses das Räderwerk tätig ist, das die ganze große Maschine in Bewegung setzt.

Das Vorspiel der großen Tragödie vor Sedan nahm seinen Anfang. Bei Beaumont schlug Sachsens ritterlicher Kronprinz die Nachhut Mac Mahons und schloß mit der von ihm befehligten Maasarmee den ehernen Gürtel, der sich nun um Sedan legte.

Gegen Beaumont ritt auch der Kanzler her im Gefolge seines Königs. Der Tag war heiß, schwül lag der Sommer auf dem Lande, und die Marschkolonnen zogen langsam ihre Straße. Bismarck ritt an eine Abteilung Bayern heran. Die Leute schienen sehr ermüdet und kamen nur langsam vorwärts. Ein tiefes Mitgefühl erfaßt den Minister mit den Braven, und er ruft dem Nächsten zu:

»Heda, Landsmann, wollen Sie einmal Kognak trinken?«

Der Mann sah, wie befremdet darüber, wie man eine solche Frage erst noch tun könne, zu dem hohen Offizier auf und nickte. Da reichte ihm der Kanzler seine Feldflasche, und als er die Kameraden des Beglückten so sehnsüchtig und neidvoll auf diesen und das gebotene Labsal blicken sah, ließ er die Flasche weitergehen, bis sie geleert zu ihm zurückkam. Einer seiner Begleiter aber folgte seinem Beispiele, und auch die zweite Feldflasche ging von Hand zu Hand. Nun holte Bismarck seine Zigarren heraus und fing an auszuteilen, und die vergnügten Gesichter der ermüdeten Soldaten waren ihm ein schöner Dank.

Was sich nun ereignete, in jenen ersten Septembertagen des Jahres 1870, wird für ewig unvergessen bleiben im deutschen Volke. Das Heer Mac Mahons, bei dem sich der Kaiser Napoleon III. selbst befand, war hinter Sedan zurückgedrängt, und hier erfolgte die Katastrophe, in welcher der französische Thron zerbrach.

Mit dem Morgen des 1. September hob das gewaltige Schauspiel an; noch lag der Nebel über den Gefilden, und von Bazailles her, wo die Bayern standen, zuckten rote Blitze, und dumpfer Donner grollte ihnen nach.

Rechts vom Dorfe Frénois auf einem Hügel hielt König Wilhelm mit seinem Gefolge, und von hier überschaute er den Verlauf des furchtbaren Ringens. Um die Mittagszeit war der Calvaire d’Illy, der Schlüssel der feindlichen Stellung, genommen, erdrückend lag die deutsche Heeresmacht um das bedrängte Sedan und um den verzweifelten Kaiser. Mac Mahon war verwundet worden und hatte den Oberbefehl über das französische Heer dem General Wimpffen übergeben. Aber auch dieser konnte nicht mehr retten, was verloren war.

Die Abenddämmerung legte einen leichten Schleier über die Walstatt. Brennende Dörfer leuchteten in der Runde, und die deutschen Batterien spien noch immer von allen Seiten Verderben und Vernichtung gegen die Festung. Endlich flatterte zwischen Rauch und Qualm auf der vorderen Bastion etwas Weißes empor, die Kapitulationsflagge.